Es gibt an Rhein und Ruhr und im westfälischenBecken nicht nur Eisen und Kohle, auch nur Chemie und Maschinenbau, es gibt auch "hauchdünne" Produktionen. Strümpfe aus Chemnitz waren 200 Jahre lang die Sehnsucht der Frauen Europas, bis dann diese hervorragende deutsche Qualitätserzeugung auf das grausamste vernichtet wurde und erst jetzt wieder langsam "volkseigen" anzulaufen beginnt. Vorwiegend in Hessen und Nordrhein-Westfalen haben sich fast in letzter Zeit Strumpffabriken aufgetan, die fast ausnahmslos auf Chemnitzer Erfahrungen aufbauen. Tüchtige Unternehmer, verständige Wirtschaftsminister und weitblickende Finanziers haben bis jetzt im Bundesgebiet etwa dreißig Betriebsgründungen in der Gotton-Strumpfindustrie ermöglicht. Hier und da entsteht ein neues kleines Chemnitz, das bedeutendste dürfte die Gründung der Hamburger Firma "Nordwestdeutsche Strumpffabrik G. m. b. H." sein, deren Betriebsstätten in dem Sauerländer Städtchen Menden liegen.

Langsam beginnt sich eine empfindliche Versorgungslücke auf dem textilen Gebiet einzuengen. 1949 mußte die Bundesrepublik rund 50 Mill. Paar Strümpfe einführen, während selbst nur 3 1/2 Mill. Paar erzeugt wurden. Schon bis Ende 1950 hofft man mit den inzwischen vorhandenen 200 Cotton-Maschinen etwa 18 Mill. Paar Strümpfe zu produzieren, wovon auf das Werk in Menden allein mehrere Mill. Paar entfallen. Heute stehen dort bereits für 400 Mann Belegschaft dreißig aus den USA herübergebrachte Cotton-Maschinen in Arbeit, weitere siebzig werden aufgebaut. Dann wird der Betrieb mit etwa 5 Mill. Paar Jahreserzeugung wirklich eine Strumpffabrik von Chemnitzer Format sein. Die Unternehmer und 80 v.H. der Fachkräfte einer 400 Mann starken Belegschaft sind aus dem Sudetenland oder aus dem Chemnitzer Raum herübergekommen.

Der Jahresbedarf wird auf 90 Mill. Paar bei 18 Mill. Frauen in Westdeutschland, d. h. auf fünf Paar im Jahr, geschätzt. Die deutsche Produktion 1933 betrug 24 Mill. Dutzend Paar zum Wert von etwa 234 Mill. RM, wovon, rund 25 v. H. in den Export gingen. In den 600 Betrieben des Chemnitzer Bezirkes mit ihren 60 000 Beschäftigten war eine maschinelle Kapazität von über 12 000 Cotton-Maschinen (rund 245 000 Fonturen) vorhanden. Nach dem Krieg dürften in diesem "Strumpfland Europas" noch höchstens 300 Maschinen mit 7500 Fonturen als brauchbar und modern verblieben sein.

Ein großer Teil der Menschen mit ihren wertvollen Fachkenntnissen ist in die Nachbarländer und vor allem auch in die USA ausgewandert. Deutschland ist damit der menschlichen Grundlage, also der wertvollsten Basis dieser Fachindustrie, in starkem Maße verlustig gegangen. Vor 1926 gab es in den USA nur 31 Cotton-Strumpfbetriebe, jetzt sind es 720; davon wurden 293 Betriebe erst in der Nachkriegszeit gegründet und allein 113 im Jahre 1948. Der Aufbau dieser Industrie, die ihren Standort mit 84 v. H. in Orten unter 50 000 Einwohnern (davon allein zu 61 v.H. in Orten mit weniger als 5000 Einwohnern) gewählt hat, ist bevorzugt deutschen Fachkräften zuzuschreiben. Heute produzieren die USA jährlich für rund 750 Mill. Dollar fast 60 Mill. Dutzend Paar Strümpfe, davon knapp 50 Mill. Dutzend Paar Nylon-Strümpfe. Die deutschen Betriebe rechnen mit einem Bedarf, der höchstens zu einem Drittel auf Perlon, zu zwei Dritteln, wie bisher, auf Kunstseide entfallen wird.

Volkswirtschaftlich erfreulich ist die Feststellung, daß inzwischen einige deutsche Maschinenfabriken die Fertigung von Cotton-Maschinen wiederaufgenommen haben und bereits vorzügliche Auslandsaufträge erreichen konnten. Schubert & Salzer, jetzt in Stuttgart, Gebrüder Boehringer in Göppingen und die Maschinenfabrik Schönemann G. m. b. H. in Wiesbaden stehen an der Spitze des deutschen Cotton-Maschinenbaues. Schönemann hat für ein Jahr bereits 110 Maschinen für das Inland und 205 für das Ausland fest verkauft. Die deutschen liegen um etwa 20 v. H. unter den amerikanischen Preisen wobei die größten Maschinen etwa 120 000 DM erfordern. Aufträge für viele Mill. Dollar aus Belgien, England, Frankreich, Holland, Italien, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Griechenland, Finnland, der Schweiz und der Türkei liegen vor. Sie nehmen etwa 60 v. H. der deutschen Erzeugung auf. Noch ist der Weg bis zur alten Bedeutung für die Textilmaschinenindustrie und für die deutsche Strumpfindustrie sehr weit Aber er wird mit Energie und mit sichtbarem Erfolg begangen. –lt.