Weit über hundert große und kleine ostvertriebene Betriebe haben sich in Köln angesiedelt. Darauf macht Kölns erster Beigeordneter, Dr. Max Adenauer, unsere wirtschaftlich interessierten Leser in der heutigen Beilage, die der 1900jährigen Stadt gewidmet ist, unter der Überschrift: "Köln: Neue Namen, neue Gesichter" aufmerksam. Möge hier das Schicksal der Stettiner Oderwerke für alle Unternehmen sprechen, die unter gleichwidrigen Umständen neu beginnen mußten.

Eine kleine Schar von Männern war es, die im Mai 1945 auf einigen Schiffen und mit wenigen Maschinen aus Stettin über die Ostsee westwärts fuhr, um eine neue Heimat zu suchen. Sie stellte den Kern der Stettiner Oderwerk A. G. dar, die seit dem Jahre 1854 auf dem landschaftlich so reizvollen Oderufer bei Stettin Maschinen und Dampfschiffe gebaut hatte. Was diese Männer aus dem Vermögen des Unternehmens – es hat im "Frieden" sich auf weit über 50 Millionen belaufen – mitnehmen konnten, waren nur bescheidene Werte. Ihre kostbarste Fracht waren einige Bücher! Sie enthielten die Konstruktions- und Rechnungsunterlagen des fast 100 Jahre alten Schiff- und Maschinenbauunternehmens. Das Hauptbuch des Zeichnungsarchivs enthält mehr als 850 Schiffe mit fast 300 000 BRT. Es bringt den Beweis für Leistungsfähigkeit und Güte der Stettiner Werft, deren Erzeugnisse einst von der Oder in alle Welt gingen: Fahrgastdampfer, Frachter, Eisbrecher, Bagger, Docks, Rhein-See-Schiffe und Motorschiffe.

Nach Zwischenetappen ist nun der Kern der Stettiner Oderwerke A. G. – vielleicht aus einem inneren Drange durch ein geistiges Fluidum angezogen – in Köln am Rhein angesiedelt worden. Hatte die Werft in ihrer Stettiner Heimat einen eigenen Boden von 450 000 qm, so mußte sie jetzt mit einer gepachteten Fläche von 10 000 qm im Industrie-Hafen Deutz beginnen. Aber die Förderer der jungen und doch so alten Werft, und alle, die sich um ihre Entwicklung zielstrebig bemühen, glauben zuversichtlich an eine große Zukunft dieser heimatvertriebenen Oder-Werft am Rhein...

Die Voraussetzungen dazu sind gegeben. In dem 90 m langen Werkstattschiff ist eine komplette Fabrikeinrichtung mit Dreherei, Tischlerei, Schlosserei, Kupferschmiede und Anlagen für elektrisches und autogenes Schweißen sowie für das Nieten vorhanden. An Land stehen die Blechbearbeitungsmaschinen. Das Hebedock, ein hydraulisch gesteuertes Sechs-Traversen-System mit hochabgesicherten Spezialtraggurten in einem kräftigen Portalkran-Verband, hebt in kurzer Zeit Reparaturschiffe aus dem Wasser, um sie, nach der notwendigen Arbeit, auf Schwimm-Pontons abzusetzen. Im Wiesengelände am Rheinufer ist die Helling im Werden, auf der sehr bald Neubauten auf Kiel gelegt werden sollen. An den Zeichentischen arbeiten Ingenieure an Konstruktionen auf der Grundlage erprobter Ausführungen. So ist jetzt aus dem noch in Stettin entworfenen Typ "Ruhr" des letztgebauten Rhein-See-Schiffes für die Köln–London-Route der Typ "Agrippina" des Rhein-See-Mittelmeer- – Schiffes entwickelt worden.

Noch ein zweites Hauptbuch brachte man aus Stettin mit nach Köln: die Bauliste. Ihr kam man entnehmen, daß die Stettiner Oder-Werke A. G. bereits 149 kleine und mittlere Schiffe fast aller Baugattungen mit zusammen 140 000 t Tragfähigkeit für die westlichen Wasserstraßen, also für die Reedereien und Schiffseigner der Bundesrepublik, gebaut hat. Hierin dokumentiert sich eine ansehnliche Werftkapazität, die in ihren Lieferungen schon immer im Westen beheimatet war und nun auch ihren Sitz nach Köln verlegte. Dieses Bewußtsein gibt der Wahl des jetzigen Werftplatzes das Gewicht. Er hat in Köln als dem kommenden Zentralumschlagplatz des Braunkohlenreviers eine große Zukunft. Nicht zuletzt wird diese Entwicklung einen zusätzlichen Auftrieb erhalten aus der Erweiterung der Rhein-See-Schiffahrt, sobald sich aus der Köln–London-Route die Köln–Europa-Route entwickelt haben wird. E. H. Broke