Frankreich hat wie im vorigen Jahr auf der

Biennale in Venedig den großen Preis für den besten Film des Jahres erhalten. Preisgekrönt wurde jedoch nicht "La ronde", der mit französischem Charme versüßte Schnitzlersche "Reigen", den ein Walzer von Oscar Strauß eindringlich wie das Harry-Lime-Thema den "Dritten Mann" erfüllt (Regie Max Ophuls). Preisgekrönt wurde auch nicht Jean Cocteaus vielgenannter Orpheus-Film; ausgezeichnet wurde ein Streifen, von dem man vorher kaum sprach: der Film "Justice est faite", in dem eine junge Ärztin vor Gericht steht, da sie ihren unheilbar kranken Verlobten getötet hat, während sie schon einen anderen Mann liebte. Der Regisseur André Cayatte erklärte zu diesem Film, daß er damit nicht das Problem der Euthanasie habe aufrollen wollen, sondern das Problem der Rechtsfindung und Rechtsprechung. Der Zuschauer erlebt das Geschehen aus dem Blickfeld und der Bedrängnis der sieben Geschworenen heraus. Hauptdarsteller sind Michel Auclair, der vor Monaten in Cocteaus "La Belle et La Bête" zu sehen war, und die junge französische Schauspielerin Claude Nollier, die auch in dem augenblicklich im Atelier befindlichen Film nach Claudels "Johanna auf dem Scheiterhaufen" eine Rolle spielen wird.

Unter den in Venedig beurteilten neunzig Filmen lief Rossellinis "Stromboli" außer Konkurrenz. Von Deutschland waren Käutners "Epilog" und "Dr. med. Hiob Prätorius" von Curt Goetz dabei. Besondere Aufmerksamkeit konnte sich der mexikanische Film erobern. Aus Hollywood fiel "Asphalt Jungle" (Asphalt-Dschungel) auf, ein Film der Großstadt, der äußeren Verismus und innere Wahrhaftigkeit vereint. Der Hauptdarsteller dieses Films, Sam Jeaffe, wurde als der "beste Schauspieler des Jahres" ausgezeichnet. Der Preis für die "beste Schauspielerin des Jahres" wurde der Amerikanerin Eleonor Parker für ihre Ausdruckskraft in km Gefängnisfilm"Caged", einer anderen "Schlangengrube" zuerkannt.

Einen erregenden Weg für die Weiterentwicklung des künstlerischen Films hat die diesjährige biennale kaum gewiesen. Eher sprach Ratlosigkeit. Die bittersten Worte fand der französische Regisseur Jean Dellannoy "Der Film stirbt. Ich fürchte, er wird eines schönen Tages wieder das ein, was er zu Anfang war: Eine Jahrmarkts-Unterhaltung. Der Film hat keinen Ehrgeiz. Eine Kunst ohne Ehrgeiz aber hört auf, Kunst zu ein." Da Dellannoy für seinen Film "Dieu a resoin des hommes selbst zu den Preisgekrönten gehört, ist bei solcher Einsicht noch nicht alles verloren. EM.