Von L. Reidemeister

Als die Stadt der Ubier, die mit ihrer Ära Ubiorum schon kultischer Mittelpunkt war, Kolonie der Römer wurde, nahm sie aus allen Teilen des römischen Weltreiches Veteranen in ihre Mauern auf. Damit hielt auch die Kunst in Köln ihren Einzug. Und es gehört zum besonderen Charme dieser Stadt, daß das Bild ihrer antiken ’Kunst noch heute ständig bereichert wird, daß sie allgegenwärtig ist, wo man auch den Spaten ansetzt. Selbst der Krieg bereicherte sie, als 1941 bei den Ausschachtungsarbeiten für den "Dombunker" das Dionysos-Mosaik entdeckt wurde, das Werk eines römischen Mosaizisten, dem Gott der Lebensfreude an den Ufern des Rheins gewidmet! Und erst jüngst brachten wieder Ausschachtungen für einen Neubau eine köstliche Marmorbüste zutage. So ist die Antike für den Kölner nicht toter musealer Besitz, sondern ein sich ständig erneuernder, lebendiger Beitrag zum Bewußtsein seiner hohen Tradition.

Wenn das neunzehnhundertjährige Köln schon zur Zeit der Franken Königssitz und Bischofsstadt ward und unter Karl dem Großen zum Erzbistum erhoben wurde, so sind dies Stufen seiner wachsenden Bedeutung im frühen Mittelalter, Stufen eines immer weiter reichenden politischen und geistigen Wirkungskreises. Hildebold, der Kanzler Karls des Großen, Bruno, der Bruder und Kanzler Kaiser Ottos I. und Anno, Reichsverweser und Vormund des jungen Heinrichs IV., sind die Bauherren des heiligen Kölns, der kirchenreichen Stadt. Woher die Baumeister kamen, wissen wir nicht. Sie haben römische Tradition, Westliches aus der Maasgegend und Nordfrankreich und südeuropäische Einflüsse verarbeitet und haben doch in der Überwindung des Ernsten zugunsten einer heiteren Vielgestaltigkeit, vor allem in den Dreikonchenanlagen der Ostchöre dieser Kirchen etwas unverwechselbar Kölnisches geschaffen.

Durch die vielfachen Handelswege, die sich in Köln kreuzen, füllten sich die Schätze dieser Kirchen mit den künstlerischen Erzeugnissen der ganzen abendländischen Welt und des Orients. Der Austausch der Ordensmitglieder in den Klöstern und Stiften Kölns brachte immer neue Anregungen. Als 1164 Reinald von Dassel aus dem eroberten Mailand die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln überführte, der Schutzpatrone der Stadt, waren neue Antriebe zu künstlerischem Schaffen gegeben. Die Goldschmiedekunst in Köln, deren berühmtestes Werk der Schrein für die Gebeine dieser Heiligen ist, feierte ihre Triumphe. Und wieder waren es auswärtige Künstler wie Rogerus von Helmarshausen und Nikolas von Verdun, die diese Kunst bestimmten und sich gleichzeitig dem Gesetz des Kölnischen unterwarfen. Köln ist immer wieder stark genug gewesen, sich Fremdes zu eigen zu machen.

Nicht zuletzt der Strom der Pilger zu den Reliquien der Heiligen Drei Könige forderte einen Neubau an Stelle des alten Hildebolddoms, der längst zu eng geworden war: Während noch 1247 St. Kunibert in der staufischen Tradition der Kölner Kirchen vollendet wurde, hielt mit der Grundsteinlegung des neuen Domes ein Jahr später der gotische Stil, der schon ein Jahrhundert vorher in Frankreich bestimmend war, seinen Einzug in Köln. Die Kathedrale von Amiens, an deren Bau der erste Baumeister des Demes, Meister Gerhard, vielleicht sogar mitgewirkt hatte, wurde das Vorbild. Das Wahrzeichen Kölns, der Dom der Deutschen im neunzehnten Jahrhundert, in Wurzel und Wesen eine Kathedrale der europäischen Christenheit!

Uud noch einmal setzte sich der formbildende Geist dieser Stadt ein hohes Denkmal –: in seiner Tafelmalerei. Stärker als in anderen deutschen Landschaften und Städten ward hier die Kraft wirksam, Schule zu bilden. Generationen von Malern standen unter dem Gesetz eines das Göttliche verherrlichenden Ideals, und fast keiner tritt aus der Namenlosigkeit dieser Schule heraus, auch nicht die Meister der Renaissancezeit. Ein Vorgang, der im damaligen Deutschland allein in Kein möglich war! Nur eine Persönlichkeit ist greifbar – dank Dürers niederländischem Reisetagebuch – die ihres höchsten Repräsentanten Stefan Lochner. Ein Alemanne aus Meersburg am Bodensee, der seine Schulung in den Niederlanden genossen hatte! Diesem großen Künstler hat Köln das schöne Ebenmaß von Sinnenfreude und Gottergebung gegeben, und Stefan Lochner hat dem Dcppelwesen dieser Stadt den lieblichsten und hoheitsvollsten Ausdruck verliehen. Die prägende Kraft Kölns, auch einem fremden Künstler seine am antiken Quellen gespeiste Form zu geben und ihr. damit erst zur höchsten Vollendung zu bringen, hat sich in Stefan Lochner zum letzten Male manifestiert. Die folgenden Generationen steien in der Ausstrahlung des Niederländischen, ohie sie im Sinne des Kölnischen entscheidend umbilden zu können. Dies gilt auch für den Begabtesten, den Bartholomäus-Meister.

Die retardierenden Elemente, die Stefan Lohner von wagendem Experimentieren abgehalten und sich in seinem Werk noch einmal zu hohem Ideal gesteigert hatten, wurden für die folgenden Jahrhunderte freilich zum Hemmschuh. Der Dombau blieb Fragment. Die befruchtenden Kräfte des Humanismus und der Reformation drangen nicht über die mittelalterlichen Mauern der konservativ katholischen Stadt. Das scheinbar ewig junge Gesicht Kölns in seiner prallen Mädchenhaftigkeit, wie es sich in den Gefährtinnen der Heiligen Ursula symbolisiert, erhielt greisenhafte Züge. Die Segnungen des Barock mit ihrem lebenserneuernden Schwung machten vor den Toren Kölns in Bonn und Brühl halt, da die Bischöfe nicht in Köln residierten. Und Köln zog nun keine Künstler mehr aus der Fremde an, sondern ließ die eigenen Söhne in die Fremde ziehen. Ein Kölner Künstler des achtzehnten Jahrhunderts, wie Anton de Peters, an den eine kleine Ausstellung im Rahmen des Stadtjubiläums erinnert, wanderte früh nach Paris aus, wo er sein liebenswürdiges Talent in dem breiten Strome der Boucher, Grenze und Fragonard ausbildete, kaum noch als ein Deutscher kenntlich. Erst nachdem die Französische Revolution die Gesellschaft, die seine Kunst trug, hinweggeschwemmt hatte, kehrte er nach Köln zurück, wo er bald als ein Verarmter und Vergessener starb... Und Kölns letzter großer Künstlersöhn, Wilhelm Leibl, verließ schon mit 20 Jahren seine Vaterstadt, um in München seine Schulung zu empfangen und trotz der selbstgewählten Landeinsamkeit für die mit ihm heranwachsende Generation dort Schule zu bilden. Seine Vaterstadt hat er nur selten und aus rein persönlichen Anlässen wieder aufgesucht.

Das Köln unserer Tage, dem der letzte Krieg schwerste Wunden geschlagen hat, ist heute sichtbar aufgerufen, neue schöpferische Kräfte zu seinem Aufbau zu entfalten. Schöne Zeichen deuten auf das Gelingen dieser großen Aufgabe. Die neue Brücke, die nun wieder Köln mit dem rechtsrheinischen Deutz verbindet, ganz mit den Mitteln unserer Zeit errichtet, ist fast unbewußt in der Folgerichtigkeit ihrer Konstruktion ein Kunstwerk geworden. Ein Haus des Architekten Wilhelm Riphahn, das dem deutsch-englischen Gedankenaustausch dient, spiegelt wirklich den europäischen Geist seiner inneren Bestimmung. Mit einer kleinen Wallfahrtskapelle in Köln-Kalk knüpft Rudolf Schwarz in unserer Sprache an die Welt des antiken und ottonischen Kölns an. Und mit der Gewinnung des Bildhauers Gerhard Marcks als Kölner Bürger hat die Stadt die schönste Tradition ihrer Blütezeit wiederaufgenommen.