Von Josef Haubrich

Während sonst überall zwischen der künstlerischen Tradition und den Vertretern einer revolutionären Stilneuschöpfung eine mehr oder weniger tiefe Kluft besteht, über die hinweg sich zu verständigen kaum eine Möglichkeit, nicht einmal ein ernster Wille zu sehen ist, gibt Köln ein einprägsames Beispiel dafür, daß dieser Zustand keineswegs naturnotwendig oder unabänderlich sein muß. Hier kennt man vielmehr bereits eine traditionelle Pflege der Moderne, und diese hat sich organisch im verständnisvollen Zusammenwirken der beiden Richtungen, der konservativen und der revolutionären, entwickelt. Die Geschichte dieser Entwicklung spiegelt sich auch in den folgenden Erinnerungsblättern des verdienstvollen Kunstsammlers und -förderers Dr. Josef Haubrich wider. Ihr Ergebnis aber ist die unvergleichliche Anziehungskraft, die Köln als Kunststadt heute und für alle Zeiten besitzt.

Als ich nach vielen Reisen im In- und Ausland als frischgebackener Gerichtsreferendar 1912 nach Köln zurückkehrte, der Stadt meiner Geburt und meiner Vorfahren, wurde eben die Sonderbund-Ausstellung eröffnet, die für mich wie viele meiner Zeitgenossen eine folgenschwere Offenbarung wurde. Noch heute, wenn man den Katalog dieser Ausstellung in die Hand nimmt, hat man Grund, erstaunt zu sein. Man staunt schon über die Zusammensetzung der Ausschüsse, bei denen kaum eine Behörde, kaum ein namhafter Vertreter der Großfinanz und Industrie fehlte. Eine Ausstellung moderner Kunst! Und doch gehörten auch notorisch konservative Herren zum Ehrenausschuß, ja zum Arbeitsausschuß. Allerdings arbeiteten im Vorstand an erster Stelle Karl Ernst Osthaus, der Begründer des Museums Folkwang, damals noch in Hagen, und das vielfach angefeindete Kleeblatt Josef Feinhals, Alfred Flechtheim und Hermann Hertz. Und spöttisch sprach man von einem „Zigarrenhändler“, einem „Getreidehändler“ und einem „Korsettenkapitän“... Ein wahrhaft europäisches Unternehmen war diese Ausstellung. Die retrospektive Schau galt den Malern Vincent van Gogh, Paul Cézanne und Paul Gauguin, Aber größere Abteilungen waren vor allem Pablo Picasso, George Grosz, Paul Signac und Edvard Münch gewidmet. Ein Panorama moderner Kunst, das seinem Umfang und seiner Kühnheit nach ohne Beispiel war und aus dem Grunde auch leider ohne Nachfolge blieb. Zwar – der Sonderbund selbst blieb noch lange Jahre bestehen. Mit sieben Mitgliedern hielten wir zuletzt noch den Verein aufrecht mit der Absicht, nach 25 Jahren eine neue Sonderbund-Ausstellung zu veranstalten; Das wäre im Jahre 1937 gewesen. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen. Im Jahre 1935 war der Verein zwangsläufig im Register zum Erlöschen gebracht worden...

Wenn man bedenkt, daß um das Jahr 1900 der Kölner Maler Wilhelm Leibl in seiner Vaterstadt genau so wie in München, seiner zweiten Heimat, abgelehnt wurde, begreift man erst den Mut der damaligen Stadtverwaltung zum Wagnis jener Sonderbund-Ausstellung. Freilich stützte sich die Ausstellung, trotz der klingenden Namen im Ehrenausschuß, naturgemäß auf einen nur kleinen Kreis von Künstlern und Kunstfreunden, die der Phantasie der neuen Kunst folgen konnten und in kleinen Zirkeln immer wieder zusammenkamen. Hier spielt der sogenannte „Gereonsklub“ eine Rolle, in dem Franz Marc, August Macke und Wilhelm Lehmbruck als erste Sterne glänzten, gelegentlich auch französische Maler wie Delaunay und Derain. Auch wußte man an einem bestimmten Tage in der Teestube Damm an der Hohestraße die Freunde der jungen Kunst zu treffen. Ja, böse Zungen hatten nicht unrecht, wenn sie sagten, daß der Vorstand des Sonderbundes sogar seine bestimmte französische Champagnermarke hatte, – ein Beweis für den damaligen Wohlstand am Rhein. Der berühmte „Goulet“ kostete allerdings weniger all die Hälfte einer guten deutschen Sektmarke heutigen Tages.

Seit etwa 1923 betätigte ich mich auch im Vorstand des Kölnischen Kunstvereins, also in den letzten zehn Jahren vor dem Eingreifen der Nazis. Die Meister der „Brücke“ besuchte ich in ihren Ateliers. Erich Heckel sah ich in Berlin und am Bodensee. Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und Otto Mueller begegnete ich immer wieder. Und die Beziehungen all dieser Künstler zu Köln sind nach der Sonderbund-Ausstellung nie unterbrochen gewesen, selbst nicht zur Zeit der Nazi-Gewaltherrschaft, in der die moderne Kunst verboten und verpönt war.

Der Kölnische Kunstverein war es übrigens auch, der die erste große Ausstellung von Marc Chagall nach dem ersten Kriege gezeigt hatte. Ich selbst hatte 1924 im Atelier Chagalls in dem bescheidenen Pariser Vorort Boulogne die Bilder dazu ausgesucht. Seitdem sind wir befreundet. – Ähnlich war es mit James Ensor, der sich persönlich bemühte, mir Hauptstücke seines Werkes, die in Privatbesitz gelangt waren, zuzuführen. Er wurde nicht nur durch eine große Ausstellung seiner Werke in Köln, sondern auch durch die Verleihung der Stephan-Lochner-Medaille, die ihm noch auf dem Sterbebett überreicht wurde, mit unserer Stadt verbunden. Oskar Kokoschka aber habe ich leider nie persönlich gesehen. Doch die geistige Gemeinschaft ging so weit, daß heute die Lücke, welche die Nazis durch die Fortnahme des Bildes Dent du midi dem Wallraf-Richartz-Museum rissen, durch meine Sammlung mehr als nur geschlossen ist. Vier der bedeutendsten Ölbilder und eine Reihe von Aquarellen und Zeichnungen von Kokoschka dominieren heute im Kölner Museum.

George Grosz diente mit seinem Freunde Wieland Herzfelde als Soldat des ersten Weltkrieges in Köln. Ich traf beide oft bei einem gemeinsamen Bekannten, später immer wieder in Berlin und blieb Grosz nahe, bis er nach New York übersiedelte. Schon früh, als er in Düsseldorf ein Meisteratelier bezog, lernte ich Otto Dix kennen. Ich sah in seinem Atelier das erste große Kriegsbild entstehen, gleichzeitig mit dem köstlich ironischen Porträt von Herbert Eulenberg als Mann mit der Nelke. Das Kriegsbild wurde von der Stadt Köln übernommen, erregte aber im Wallraf-Richartz-Museum durch die Wucht seiner Anklage die zarten Gemüter (auch unter den Stadtverordneten gab es damals zarte Seelen), so daß dies Bild durch einen Vorhang von der Galerie getrennt und schließlich gegen das „Elternbild“ getauscht wurde, das nach dem Eingriff der Nazis in die Kunsthalle in Basel gelangte. Niemals aber sind unsere freundschaftlichen Beziehungen unterbrochen worden. Ich habe erlebt, wie er von den Nazis in Dresden seiner Professur enthoben wurde, wie unser gemeinsamer Freund Franz Lenk als aufopfernder Helfer ihn über die schwere Zeit brachte, indem er ihn zum Malen von Landschaften in den Hegau mitnahm, bis Dix, der Menschendarsteller, eines Tages die Leinwand hinwarf im Überdruß vor der lieblichen Landschaft des Bodensees und ausrief: „Ich bin doch keine Ziege, kann nicht ewig Gras fressen.“ Dix sah ich wieder, als er nach dem zweiten Weltkrieg aus der Gefangenschaft heimkehrte, zermürbt durch Krankheit und Hunger. Er fing von vorn an, und wenn einmal seine Ölbilder schwächer wurden, waren seine graphischen Blätter um so vollendeter. – Max Beckmann lernte ich spät erst kennen. Ich besuchte ihn in seinem kleinen Atelier in Amsterdam, wo mächtige Bilder den Raum zu sprengen drohten, und staunte über die menschliche Wärme und Zartheit des Gefühls bei diesem Maler, der völlig zu Unrecht in den Ruf der Brutalität gekommen ist.