Pyrmont, im September

Das Pyrmonter Musikfest muß als ein künstlerisches Ereignis von besonderer Bedeutung gewertet werden. Bedeutungsvoll zunächst die Wiederanknüpfung der Beziehungen zur "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik". Professor Stuckenschmidt appellierte an das Gewissen der Öffentlichkeit, indem er darlegte, daß unsere musikalische Kultur zum Absterben verurteilt sei, falls den schöpferischen Kräften der Gegenwart der Weg zum Publikum weiterhin versperrt bleibe. Getreu einer alten Tradition erschloß Pyrmont seine Konzertsäle und Programme der um neue Werte ringenden Musikergeneration. Noch ein anderer Gesichtspunkt muß hervorgehoben werden: der Gedanke der völkerverbindenden Kraft der Kunst kam hier durch die Einbeziehung zahlreicher ausländischer Komponisten und Künstler zum Durchbruch. Beziehungen wurden geknüpft und kündigten das Ende der Verfemung deutscher Art hoffnungsvoll an.

Die einleitenden Veranstaltungen bildeten eine Bach-Huldigung. Martin Günther Förstemann spielte mit vollendeter Meisterschaft ein anspruchsvolles Programm Bachscher Orgelwerke Der Präsident der Neuen Bach-Gesellschaft D. Dr. Christhard Mahrenholz, entwarf in einem Vortrag ein anschauliches Bild des künstlerischen Werdegangs des großen Thomaskantors als würdige Vorbereitung auf die folgende eindrucksvolle Aufführung der Matthäus-Passion unter Walter Stövers Leitung.

Das Lenzewsky-Quartett eröffnete die zeitgenössische Hörfolge mit vier Kammermusikwerken. Ein Streichtrio von Otto Ebel von Sosen darf mit seinen aufgelockerten Klanggebilden als erfreuliche Bereicherung gelten. Die Quartette von Max Seeboth und Bartok sowie die Cantari à la madrigelesca von Malipiero repräsentierten in aparten Abwandlungen moderne Stilprägungen von überzeugender Kraft der Aussage.

Das Hannoversche Opernhaus gastierte mit Benjamin Brittens komischer Oper "Albert Herring" (Der Maienkönig) und erheiterte das rasch gewonnene Publikum durch den funkelnden Witz und die moussierenden Effekte in Musik und Spiel. – In einem Sinfoniekonzert unter dem temperamentvollen Rolf Agop erwies sich der Niederländer Berend Giltay mit einem Konzert für Violine und Orchester als starke, vielversprechende Begabung. Die Impressionen von Theodor Berger, ein Klavierkonzert von Hans Richter-Haaser und die Suite Nr. 1 für kleines Orchester von Igor Strawinsky illustrierten in oft aggressiver Form den Drang nach neuen Klangräumen. Die Zeit wird das Schwache vom Wertbeständigen scheiden. Starke Eindrücke hinterließ das Gesamtgastspiel des Großen Sinfonieorchesters des NWDR Hamburg unter seinem ausgezeichneten Erzieher und Leiter Hans Schmidt-Isserstedt. Mit besonderer Spannung wurde die Aufführung des Duo-Konzertes für Violine, Klavier und Orchester von Hermann Heiß erwartet. In seiner neuartigen Besetzung und mit seinem athematischen Charakter stellt das Werk in der heutigen Stilentwicklung ein problematisches Novum dar. Die sympathischen Lausanner Künstler Lola und Jean von Benda wurden den grotesken Schwierigkeiten der Soloparte virtuos gerecht.

Eine Matinee gewährte Einblick in das moderne Liedschaffen und die neuzeitliche Klaviermusik. Paul Höffer, Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und die berufenen Interpreten Margot Hinnenberg-Lefebre und Claus Billing wurden hier zu Vermittlern vielfältiger Gestaltungsmöglichkeiten. – Eine Meisterin am Flügel mit überaus geschliffener Technik ist die Pariserin Monique de la Bruchollerie, die durch die Innigkeit und Kraft ihres Vortrages bezauberte.

Den festlichen Ausklang der an künstlerischen Eindrücken überreichen Musiktage bildete ein Sinfoniekonzert der Dresdner Philharmonie unter Heinz Bongartz. Nicht ohne innere Bewegung begrüßte man diese Künstlerschar aus dem anderen Deutschland auf dem Podium, Sie brachte als Erstaufführung Edmund von Borcks "Orphika", eine eigengeprägte Tondichtung des allzu früh der Kunst Entrissenen, die ins Irrationale tastet. Gian-Carlo Menottis geistsprühendes Klavierkonzert mit Orchester, von Margot Pinter hinreißend nachgestaltet, spiegelt mit Witz und Ironie Scarlattische Heiterkeit.