Alles, was wir tun oder denken oder fühlen, ist nicht durch einen einzigen psychologischen Antrieb bestimmt, sondern durch eine ganze Konstellation von Antrieben, von denen uns einige bewußt, andere aber gänzlich unbewußt sind." Von diesem Ergebnis der Psychoanalyse geht der New Yorker Psychiater Dr. Lawrence S. Kubie in seinem neuen Buch "The Practical Aspects of Psychoanalysis" aus, um die allerdings aufregende Frage zu beantworten, ob es überhaupt eine Persönlichkeit gibt, die man als "normal" bezeichnen kann. Und er kommt zu dem Schluß, daß "menschliches Verhalten genau in dem Maße normal ist, als es durch bewußte Antriebe, aber neurotisch, soweit es durch unbewußte Antriebe bestimmt ist. Das gilt sowohl für individuelle Handlungen wie für das Persönlichkeitsbild als ganzes... Die Prozesse, deren wir uns bewußt sind, können durch den Appell in die Vernunft, durch Erfolg und Mißerfolg, durch Lohn und Strafe beeinflußt werden. Daher kann sich der Teil der Persönlichkeit, der hauptsächlich durch bewußte Prozesse bestimmt ist, der äußeren Wirklichkeit anpassen und aus der Erfahrung lernen." In dem Umfang, in dem bewußte Prozesse unser Leben leiten, sind wir daher frei, frei zu lernen und uns geistig zu entwickeln: diese Freiheit ist, nach Kubie, allerdings die einzige Freiheit, welche die Psychoanalyse anerkennt, und ist der wesentliche Kern der Normalität.

Unbewußte Antriebe dagegen können weder durch Argument und Vernunft, noch durch den Appell an Gefühl oder Loyalität, noch auch durch Lohn oder Strafe gelenkt werden. "Da sie überdies symbolische Vorstellungen unbekannter Ziele anstreben, die sie niemals erreichen können, sind sie als Begierden unersättlich, das ihnen unterworfene Verhalten muß sich endlos wiederholen, samt Irrtümern und Erfolgen, ohne Rücksicht auf Glück und Elend, das daraus entstehen mag. Daher ist bei einem durch unbewußte Antriebe geleiteten Verhalten ein Lernen aus der Erfahrung und eine positive Entwicklung nicht möglich. Im vollen Sinne dies Wortes ist ein solches Verhalten versklavt."

Die eingangs gestellte Frage nach der Normalität ist dadurch aber nur für die Theorie beantwortet, nicht für die Praxis. Denn "eine Mischung (bewußter und! unbewußter Antriebe) ist immer am Werk, und die Unterscheidung zwischen Normalität und Neurose ist daher eher relativ als absolut. Je mehr die bewußten Antriebe überwiegen, desto normaler ist das Verhalten und umgekehrt". Im übrigen, sagt Kubie, gibt es keine menschliche Eigenschaft, keine Handlung oder Gedanken oder Gefühle, die nicht entweder normal oder neurotisch oder beides sein können. F.