Von Herbert Fritsche

In der Medizin tritt etwa alle fünf Jahre eine weiteste Publikumskreise befallende Kinderkrankheit neugeborener Theorien auf: die galoppierende Kompetenzüberschreitung. Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an welchen die Erreger jener Seuche nagen. Als vor einem Halbjahrhundert Freud Schulter an Schulter mit Breuer das Unterbewußte samt den darin ihr Unwesen treibenden verdrängten Komplexen zunächst der Medizin und alsbald der Belletristik zugänglich gemacht hatte, trug jeder, der etwas auf sich hielt, zum Abendanzug seine Neurose im Knopfloch. Alfred Adler sprach den wissenschaftlichen Prolog für die Leiden des jungen Minderwerters, die eine ganze Epoche geistreichen Geplauders charakterisierten, und zum Schluß drang die Typologie von C. G. Jung darauf, daß kein introvertierter Kavalier ohne die seine Anima kompensierende extravertierte Dame in den Ballsaal trete. Gott und Schicksal, Leid und Behagen, Hühneraugen und Magenkrebs, alle faßbaren und unfaßbaren Dinge im Himmel und auf Erden waren grundsätzlich entschlüsselt, jede elegante Frau konversierte in psychiatrischem Jargon – und es mußte eine recht lange Zeit verstreichen, ehe die Tiefenpsychologie zurückrann in ihr legitimes Strombett, wo ihre wirklichen Werte sich zum Ziel echter wissenschaftlicher Erkenntnis und aus ihr abgeleiteter tätiger Nothilfe hinbewegen.

In ähnlicher Weise sind andere medizinische Pioniertaten über die Ufer getreten und Allgemeingut jener stets im Sinne des jeweiligen Schlagwortes aufgeklärten Zeitgenossen geworden, die den Stein der Weisen in der Westentasche und auf der Zunge zu tragen glauben, wenn sie ihre Gesprächspartner in Schizothyme und Cyklothyme oder – zur Abwechslung nun einmal nicht nach Ernst Kretschmer, sondern nach Erich Jaensch – in starrkrampfgeneigte (tetanoide) T-Typen und in basedowbenachbarte B-Typen einzuteilen vermögen. Die Typologien sind ein ganz besonderes Lieblingskind der Kompetenzüberschreitungsseuche, sie leuchten so verlockend plausibel jedem Jedermann ein, ermöglichen die Beschäftigung mit dem lieben Ich und dem derzeitig geliebten Du auf eine von Belesenheit funkelnde Weise und schenken dem blutigsten Laien das, wonach ihm seit je der Sinn steht: eine unblutige Verstauung der sieben Welträtsel sowie ihrer Kinder und Kindeskinder in eleganter Taschenpackung.

Zumeist sind die Gelehrten, deren Theorien ein solches Schicksal geistiger Inflationswährung fieberhaften Umlaufs und astronomischer Bezifferung widerfährt, darüber entrüstet und bürden die Schuld dem Literaten auf. Prüft man die Sache genauer, so nimmt man freilich in der Regel wahr, daß sie selber durchaus das ihre taten, um wissenschaftliche Fundamentalerkenntnisse aus dem Bereich ihrer Geltung und Bewährung aufs Fundament einer Publizität zu heben, die von weltanschaulichen Ansprüchen nur so blitzt und flimmert. Die Jahrbücher für Psychoanalyse mit Beiträgen von Thomas Mann, Hermann Hesse und anderen Weltrangautoren, die psychoanalytische Zeitschrift "Image" mit dem von Carl Spitteler geprägten Titel und andere Beflügelungen tiefenpsychologischer Massenwirkung hatte Freud selbst inauguriert, C. G. Jung ist einer der fleißigsten Vorwortschreiber für Bücher nichtfachlichen Charakters – und der inzwischen verstorbene Erich Jaensch erfand, als man in Deutschland noch gleichgeschaltet sein mußte, wenn man als Gelehrter Publikumserfolge haben wollte, das "nordische Leistungshuhn", um seine Typologie jedem Hühnerhofkenner anschaulich zu machen. Sie allesamt und die Legion der weniger erfolgreichen, aber in gleicher Richtung tätigen Forscher, übertrifft jedoch bei weitem Dr. med. Manfred Curry, der Pionier der Bioklimatik und der Entdecker des Arans.

Was es damit auf sich hat, weiß heute bereits fast jeder Zeitungs- und Magazinleser. Er weiß es oft genug aus Currys eigener Feder. Nachdem Curry in bewundernswert vielseitiger, genialer und im wesentlichen unwiderleglicher Gelehrtenarbeit eine medizinische Großtat von pionierhaften Bedeutung realisiert und in einem der umfangreichsten wissenschaftlichen Werke der letzten Jahrzehnte literarisch niedergelegt hatte (Dr. Manfred Curry: "Bioklimatik; die Steuerung des gesunden und kranken Organismus durch die Atmosphäre", zwei Bände, 1946, Verlag "American Bioclimatic Research Institute", Riederau am Ammersee), war er nach mehr als 1500 Seiten hochwissenschaftlichen Lehrbuchtextes mit vielen hundert Abbildungen und Tabellen begreiflicherweise des trockenen Tones nun satt. Er war es notabene auch zwischendurch bereits, denn das gewaltige – geistig, stofflich und im Hinblick auf den Umfang des gedruckten Textes gleichermaßen gewaltige! – Werk ist immer wieder durchsetzt von Partien des denkbar saloppesten Plaudertons und wimmelt, mitten in Darlegungen exaktester Natur, von unerwarteten, aber durchaus wohltuenden Witzchen. Curry hatte keine Lust – und vermutlich auch konstitutionell keine Neigung –, die journalistische, ja man darf sagen: die propagandistische Auswertung seiner in der Tat epochalen Leistungen und Entdeckungen entweder der Nachwelt oder den gewerbsmäßigen Auswertern zu überlassen: er ging 1949 selbst ans Werk und ließ im Verlag des Schweizer Druck- und Verlagshauses in Zürich sein Buch "Der Schlüssel zum Leben" erscheinen, ein wahres Musterbeispiel effektsicherer Erfolgsschriftstellerei. Bereits der Untertitel "Das Geheimnis der Anziehungskraft zwischen zwei Menschen" – den der aus Sex-Appeal montierte Buchumschlag knallrot unterstreicht – ist nichts denn Dienst am Kunden: Currys Forschertaten reichen einerseits viel weiter und tiefer als etwa nur ins Populär-Erotische, sie bedeuten in vieler Hinsicht geradezu eine entscheidende Wende der abendländischen Medizin, andererseits sind sie aber weder die Lösung des Schicksalsgeheimnisses, warum ein Ich sein Du wählt, noch gar jener im Titel angebotene "Schlüssel zum Leben", den die medizinischen Avantgardisten bekanntlich immer wieder einmal endgültig gefunden zu haben behaupten.

Worum geht es bei Curry? Um nichts Geringeres als um die exakte Herausarbeitung des wirksamen Faktors unserer allerweitestgehend wetterabhängigen Lebenserscheinungen sowie des vor ihm unbekannt gewesenen Grades dieser Abhängigkeit. Wir können heute auf Grund der Forschungen Currys als gesichert betrachten, daß das Wetter in alle, buchstäblich in samt und sonders alle Abläufe unserer leiblichen und seelischen Lebensprozesse maßgeblich hineinspielt. Dabei sind die ehedem oft im Blickfeld und in der Mutmaßung der Bioklimatologen gewesenen Faktoren des Luftdrucks, des Feuchtigkeits- oder Staubgehaltes der Luft, der Windrichtung, der elektrischen und elektromagnetischen Erscheinungen der Atmosphäre und dergleichen nunmehr durch Curry entthront worden. Seine tausendfältigen, zum Teil mit einem Höchstmaß genial konstruierter und in jeder Hinsicht kostspieliger Apparaturen – Klimakammern, Messung der Säure-Basen-Verhältnisse im strömenden Blut zahlreicher Versuchspersonen und so weiter – und mit ungewöhnlich scharfsinniger Beobachtungsfähigkeit zustande gekommenen Experimente haben erwiesen, daß das wirksame Agens der Bioklimatik einzig im "Aran" gegeben ist. Aran ist nicht mit dem Ozon identisch, sondern liegt über Ozon hinaus: Ozon ist chemisch O3, während es sich bei Aran um Sauerstoff der Formel O4, O5 oder Ox handelt. Diese Wertigkeit des Sauerstoffs atmospärisch-chemisch genau zu bestimmen, ist relativ unwichtig, jedenfalls gelang es Curry, den – wie gesagt, hinsichtlich seiner Wertigkeitsformel noch nicht endgültig determinierten – Faktor instrumentell zu messen und seine An- und Abstiege während der alltäglichen und der außergewöhnlichen Wettervorgänge in Verbindung mit den leiblichseelischen Geschehnissen des Menschenlebens zu bringen. Fast unvorstellbar ist es, wie weit und tief Curry seine Entdeckung fruchtbar zu machen verstand für Hygiene, Diätetik, interne Medizin, Psychiatrie, ja selbst Chirurgie (Embolie- und Komplikationsvermeidung!) einerseits, wie er sie aber auch andererseits dem Alltag bis in dessen banalste psychologische und physiologische Abläufe hinein dienstbar zu machen weiß. Es kann in einem Referat auf die nahezu unüberblickbar vielen Tatsachen und Zusammenhänge, für deren Darstellung Curry selbst mehr als 1500 großformatige Druckseiten benötigt, nicht einmal in den größten Zügen eingegangen wenden. Ein paar Hinweise müssen genügen: Curry, als alter Sportsmann, Segler, Flieger und Tropenbummler nicht nur enorm wetterkundig, sondern im Anschluß an durchgemachte Tropenkrankheiten auch enorm wetterempfindlich, ist sich selbst die denkbar beste Versuchsperson gewesen, um – freilich stets kontrolliert durch Heranziehung zahlreicher weiterer Versuchspersonen und durch systematische klinische Beobachtungsserien – das Schwanken der täglichen, in ihrem Zickzackverlauf überaus labilen Arankurve am eigenen leib-seelischen Organismus befindensmäßig ablesen zu können. So lernten er selbst und seine engeren Mitarbeiter schließlich durch Selbstbeobachtung die Verlaufslinien der Arankurve bestimmter Tage schätzen und auf Millimeterpapier eintragen. Inzwischen ermittelte ein weiterer Mitarbeiter instrumentell den tatsächlichen Kurvenverlauf. Die geschätzten und die exakt gemessenen Kurven – mit ihren mannigfachen Auf -und Niederzuckungen – stimmten überein. Mehr, kann man von der Bewährung neuer biologischer Erkenntnisse nicht verlangen! Netterweise kommt Curry in seinem Lehrbuch aber – ungeblendet durch den Glanz seiner reichen Instrumentenausstattung – dem gewöhnlichen Sterblichen, vor allem also dem praktischen Arzt und Biologen, dadurch zu Hilfe, daß er ihn die Aranwerte der Atmosphäre von zahlreichen unmittelbar zugänglichen Wahrnehmungen her bestimmen lehrt: Wolkenformen, Himmelsfarben, Geruchsphänomene, Geschmacksbedürfnisse, gehobene oder gedrückte Stimmung, Reizmittelhunger (höchst präzis: je nachdem, ob Kakao, Kaffee, Tee, Fleischbrühe, ein Schnaps, eine Zigarette und so weiter appetitgemäß gewünscht werden) – all das wird zu Aran-Anzeigern, so daß der gründliche Curry-Leser schließlich in einer Art von höchst lehrreichem "Beziehungswahn" durch die Aranschwankungen seiner kurzen Tage taumelt. Ohne allen Spaß sollte – oder soll, nein: muß – der Arzt sehr gründlich das lernen, was Curry ermittelt hat und anbietet. Eine Biologie des Menschen (und Medizin ist angewandte Biologie!) ohne Berücksichtigung der oft lebensentscheidenden, immer aber maßgeblich beteiligten Aran-Faktoren der jeweiligen Stunde würde heute schon als Kunstfehler-Kette gewertet werden müssen.

Da die Menschen auf hohe und niedere Aran-Werte verschieden reagieren, schuf Curry mit seiner neuen Typologie das Herzstück seiner Wissenschaft, die Lehre vom W-Typ (der sich bei mehr Aran wohlfühlt) und vom K-Typ (dem wohler ist, wenn die Luft wenig Aran enthält); praktisch heißt das im großen und ganzen: der W-Typ ist warluft-, der K-Typ kaltluftempfindlich, jedoch variiert das auf eine komplizierte, bei Curry näher zu studierende Weise. Die beiden Bücher, das wissenschaftlich-seriöse und das publizistisch-effektfreudige, laufen zu 90 v. H. auf eine Lebens- und Leidensbeschreibung des W- und des K-Typs hinaus, mannigfach illustriert durch Fotos, Krankengeschichten, Alltagspsychologie und Kriminaldokumente. Hier und da kommt freilich auch der gemischte G-Typ vor, den leider sämtliche Typologien in Rechnung stellen müssen und der in der lebendigen Praxis dann oft genug jener Wirt ist, ohne den die Rechnung nicht gemacht werden kann, weil er sich immer dann einstellt, wenn man lieber mit den "klassischen" Typen des Lehrbuchs zu tun hätte. Hier hat auch Currys "Schlüssel zum Leben" einen etwas krausen Bart. Beklommen wird aber auch dem dankbarsten Leser, ja, dem fast schon zum totalitären Curryaner Bekehrten, wenn er vernimmt, daß Mörder stets K- und Selbstmörder stets W-Typen seien und daß der Kriminalfall eines angeblichen Mörders vom W-Typ sich dahingehend klärte, daß dieser Unglückliche seine ebenfalls W-typische Freundin zunächst und alsdann sich selber umbringen wollte, wobei letzteres mißlang und ihn trotz W-Typs in Mordverdacht brachte: Die Natur zog es in diesem Falle vor, meint Curry bei der Beschreibung des genannten Falles, lieber zwei erwachsene Menschen zu töten (was im Falle des einen, wie wir hörten, dann immerhin mißlang!), als eine zwar geplante, aber typenmäßig falsch angelegte Verbindung zu dulden – denn der K-Typ darf nur den W-Typ lieben und umgekehrt, hier aber hatte es offenkundig Wehweh gegeben. Aller Ruhm, der ihm gebührt, dem Forscher Manfred Curry, dem Enträtsler der Bioklimatik! Aber rasch zum Notausgang, wenn er Sherlock Holmes spielt!