Die Amnestie ist eine der großen Urformen des Rechts. Es geht hier unbedingt um etwas Notwendiges, das zugleich etwas überaus Schwieriges ist. Bei einer Amnestie im echten und großen Sinne des Wortes handelt es sich nämlich um die Beendigung des Bürgerkrieges. Heute scheint es fast unmöglich, einen Bürgerkrieg zu beenden. Die Menschen können ja heute kaum ihre zwischenstaatlichen Kriege beenden und den Weg zu einem zwischenstaatlichen Frieden finden. Wie sollten sie da einen Weg zum innerstaatlichen Frieden finden? Im Bürgerkrieg sitzt der jeweilige Sieger auf seinem Recht wie auf einer Beute. Er nimmt Rache im Namen des Rechts. Ist es überhaupt möglich, den Zirkel dieser tötlichen Rechthaberei zu durchbrechen? Wie kann ein Bürgerkrieg sein Ende finden? Die Antwort liegt in unserer Fähigkeit zur Amnestie – sagen wir besser –: in unserer Kraft zu einer echten Amnestie. Wenn wir unter Amnestie nur ein schäbiges Almosen verstehen, so ist es besser, nicht weiter davon zu reden, um eine große Sache nicht zu verfälschen. So billig ist ein Bürgerkrieg nicht zu beenden. Nachdem so viele Worte, Begriffe und Einrichtungen verfälscht worden sind, sollten wir darauf bedacht sein, wenigstens das Urwort des Friedens nicht zu verfälschen und zu verstümmeln. Die Amnestie ist keine Begnadigung und kein Almosen. Wer Amnestie gibt, muß sie auch nehmen, und wer Amnestie nimmt, muß sie auch geben.

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre sehen wir manches mit anderen Augen als vor vierzig bis fünfzig Jahren. Heute könnte man sogar die Odyssee, jenes Epos des alten Homer, mit einigem Schrecken lesen, denn es erzählt von der Rache eines Heimkehrers.

Als Odysseus nach langen. Kriegsjahren und nach langen Irrfahrten nach Hause kam, fand er seine Gegner als Herrscher des Landes. Er nimmt Rache an den "Hunden" – so nennt er sie – die seine Abwesenheit ausgenutzt haben. Mit seinem berühmten Bogen, den nur er spannen konnte, tötet er sie erbarmungslos. Er hält sich nicht mit individuellen Unterscheidungen auf. Auch junge, harmlose Mitläufer müssen dran glauben. Zwölf Mägde, die sich mit den "Hunden" eingelassen haben, werden gehängt. Aber die "Hunde" haben einen großen Anhang, und es entsteht ein Bürgerkrieg. In dem Augenblick, da das Morden seinen Höhepunkt erreicht, tritt die Göttin Pallas Athene vor den Göttervater Zeus in der Sorge, diese Art von politischer Säuberung könne das ganze Volk verderben und ausrotten. In den Versen des vierundzwanzigsten Gesangs heißt es dann wörtlich weiter:

"Es antwortet darauf der Herrscher im fernen Gewölk, Zeus:

Warum fragst du mich, Tochter mein, und erkundigst dich also?

Hast du nicht selber den Rat in deinem Herzen ersonnen,

daß Odysseus nach Hause käm’ und die Freier bestrafe?