Von Christian E. Lewalter

Oswald Spengler hat einen Stoßkeil in das geschichtliche Denken der Europäer getrieben. Das, und nicht die Aufstellung einer haltbaren Geschichtsansicht, ist seine kopernikanische Leistung gewesen. Bis zu ihm waltete im ganzen Abendland ein aus christlich universalen Erinnerungen genährter, sich selbst selbstverständlicher, mehr und mehr zu einer nachträglichen Naivität verflachter Glaube, daß das moderne Europa, wo nicht Krönung und Klimax der gesamten Menschheitsgeschichte, so doch ihre exemplarische Reifegestalt sei. Diesen dreisten und unbefangenen Europäismus, der dem Jahrhundert des weißen Mannes (dem neunzehnten nach christlicher Chronologie) genau entspricht und bei Marx so wenig in Zweifel gezogen wird wie bei Ranke, bei Nietzsche so wenig wie bei Taine – ihn hat Spengler zerschlagen. Seine ungeheuerliche Relativierung und seine noch ungeheuerlichere Parallelisierung aller Kulturerscheinungen konnte nur darum so fruchtbar skandalisieren, weil sie der respektlose und vermessene Protest gegen die unbedachte Überheblichkeit aller bisherigen europäischen Historie und ihre Begönnerung der nichteuropäischen Kulturen war.

So klar es zu Tage liegt, daß Spenglers Zerlegung des Geschichtsverlaufs in Gestalten es versäumte, "die Kirche im Dorf zu lassen", nämlich auf den Wirkungszusammenhang zu achten, der zwischen den Epochen und "Kulturen" besteht, so gewiß ist es auch, daß jeder Schritt zurück hinter Spengler wieder in die Leere des europäischen Dünkels führen müßte. Am Beginn jeder Besinnung auf Weltgeschichte (nach Spengler eine "Fiktion", aber durch die bloße Existenz der in Kulturen gegliederten Menschheit als Realität aufgewiesen) muß der Zweifel an der Perfektion der abendländischen Kultur und an der Überzeugung von der Unerheblichkeit der außereuropäischen Kulturen für die Zukunft der Menschheit hocken.

Arnold Toynbee, seither der namhafteste Welthistoriker, hat unter dem Aspekt dieses Zweifels die Positionen Spenglers überprüft und ein sehr viel subtileres und erfahrungsnäheres Bild von der Abfolge der Kulturen gezeichnet, in dem der Aktivität des Menschen, die sich bei Spengler ganz zur Funktionalität verdünnte, ein echter Ort angewiesen ist. Spenglers extremer und unüberbietbar pessimistischer Protest gegen die abendländische Tatfreudigkeit, sein mephistophelischer Anti – Faustianismus steht in Toynbees Perspektive da wie die Überzeugung der Chinesen, daß das Leben des Menschen, aller Spontaneität bar, in die kosmische Ordnung aufzugehen habe – ein antieuropäischer Asiatismus sozusagen, der schlechte Gegensatz zur Hybris des weißen Mannes.

Der Grundriß; Aufgang – Wachstum – Verfall – Untergang der Kulturen ist bei Toynbee erhalten, aber nicht als unentrinnbar, sondern als in der bisherigen Erfahrung vorgefunden. Das ergibt eine Offenheit der Zukunft. Eben diese Offenheit für beliebige Möglichkeiten verdeckten sowohl der Europäismus wie sein Widerspiel Spengler. Sie ist aber nun eine spezifisch europäische Kategorie des Geschichtsbewußtseins. Nur in Europa, das heißt: im Wirkungsfeld des Christentums, wurde jeder einzelne Mensch vor der Geschichte so ernst genommen, daß das Geschichtsdenken nicht umhin konnte, die Zukunft der Menschheit dem Wirken der zukünftigen Menschen anheimzugeben. Alle kausalen und finalen Gesetze, die trotzdem in die Zukunft hineingelesen wurden, sind Überladungen des Ganzheitspols gegenüber dem individuellen.

"Das menschlich-seelische Ganze ist singulär, wie das Erdganze, welches dasselbe trägt." Dieser fundamentale Einwand Wilhelm Diltheys gegen alle Gesetzgeberei der Historie schlägt auch gegen Spengler durch, ja noch gegen Toynbees Neigung zum Analogisieren. Von ihm aus lassen sich Europäismus und Asiatismus überwinden.

Daß das nicht in der Theorie geschehen kann, sondern allein durch die Geschichtsschreibung selbst "als Gedanke und als Tat" (wie Benedetto Croce sagen würde), ist die Grundeinsicht, auf der Hans Freyers außerordentliches Buch "Weltgeschichte Europas beruht (2 Bände, Sammlung Dieterich, Band 31 und 32, Diderichsche Verlagsbuchhandlung Wiesbaden, 1016 S., je 8,50 DM), das 1939 bis 1945, also wohl ohne Kenntnis des Toynbeeschen Oeuvres, geschrieben wurde und auf ebenso radikale wie umsichtige Art die existentielle Selbstbehauptung des Europäers fördert, indem es sie gegen jede Form des historischen Fatalismus sichert, ohne sie gegen das Außereuropäische zu versteifen.