Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im September

Endlich ist Berlin den übrigen elf Ländern gleichgestellt, nachdem Bonn sich zum ersten Male bereit erklärt hat, den größten Teil der Berliner Soziallasten zu übernehmen. Der jüngste Vertrag zwischen Bonn und Berlin macht die verhinderte Hauptstadt praktisch zum zwölften Bundesland. – Es sind jährlich 527 Millionen D-Mark, die jetzt ein Bestandteil des Bonner Milliardenetats geworden sind.

Dennoch wird Berlin weiter solange wirtschaftlich der "kranke Mann Deutschlands" bleiben, bis es gelingt, die gewerblichen Kapazitäten und die Fachkräfte der Stadt völlig auszunutzen. Die Arbeitslosenziffer bewegt sich einstweilen hartnäckig um die 300 000-Grenze, und die Industrieproduktion kann nach wie vor die 35 v. H. der Produktion von 1936 nicht überschreiten. In welchem Tempo und mit welcher Präzision in dieser Stadt aber gearbeitet werden kann, beweisen die neuerbauten Ausstellungshallen und der Bau des Marshall-Hauses am Funkturm. Hier wurde für die Deutsche Industrieausstellung, die am 1. Oktober eröffnet wird, in knapp drei Monaten ein Ausstellungs-Territorium geschaffen, das in Deutschland nicht seinesgleichen hat. Der Tag der Ausstellungseröffnung, die den ersten Überblick über die gesamtdeutsche Nachkriegsproduktion geben soll, ist zugleich der Tag, an dem Berlins erste selbstgeschaffene Verfassung in Kraft treten wird. Es ist eben jene Verfassung, die Berlin de facto als Land der Bundesrepublik erklärt, ohne daß freilich de jure – auf Grund alliierten Einspruchs – der entsprechende Paragraph schon in Erscheinung treten könnte...