Mu lebte im Kreis Tai-yüan. Er hatte einen Stiefbruder, Scheng mit Namen! Die beiden verstanden sich ausgezeichnet.

Scheng verliebte sich in eine Kurtisane, die man Lilie nannte. Er wollte Lilie von ihrer Pflegemutter loskaufen, aber der Preis war so hoch, daß Scheng sich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. Später entschloß sich die Pflegemutter, dem verrufenen Geschäft zu entsagen. Vorher aber wollte sie Lilie weggeben.

Neben Scheng zeigte noch ein Junker namens Dschuang großes Interesse für Lilie. Dschuang bat nun die Pflegemutter, sie möge ihm Lilie zur Konkubine überlassen. Lilie aber weigerte sich und sprach: "Du willst ja, daß wir beide uns von Schande und Elend abkehren, also die Hölle verlassen sollen, um ins Paradies einzugehen. Werde ich nun aber Konkubine, dann ist das für mich keine wahre Erlösung mehr, denn der Unterschied zwischen einer Kurtisane und einer Konkubine ist sehr gering! Darum möchte ich lieber zu Herrn Scheng gehen!" Die Pflegemutter pflichtete ihr bei. Als Scheng diese Nachricht erhielt, kannte seine Freude keine Grenzen. Sofort opferte er sein ganzes Vermögen und nahm Lilie zur Frau.

Dies erfuhr zu seinem großen Ärger Junker Dschuang und er beschuldigte Scheng, ihm die Geliebte geraubt zu haben. Eines Tages traf er Scheng zufällig unterwegs. Um seinem Ärger Luft zu machen, beschimpfte er Scheng heftig, aber Scheng ließ sich das nicht gefallen, und schließlich befahl der Junker seinem Gefolge, Scheng zu verprügeln. Erst als dieser halbtot geprügelt worden war, ging Junker Dschuang mit seinen Leuten fort. Mu, der von dem Vorfall hörte, Teilte sogleich zu der Stelle und fand dort seinen Stiefbruder Scheng tot liegen. Große Trauer überkam Mu und er begab sich nach der Provinzhauptstadt, um den Mörder Dschuang anzuklagen. Jedoch Junker Dschuang war ein einflußreicher Mann, er bestach alle zuständigen Beamten, so daß Mu keine Gerechtigkeit widerfahren konte. Da er den Mörder nirgends mehr anzeigen konnte, blieb Mu nichts anderes übrig, als auf den Junker zu lauern, um ihn zu erstechen.

So geschah es denn, daß Mu einen Dolch in seinem Ärmel verbarg und Tag für Tag auf einem Pfad am Berghang, den der Junker zu benutzen pflegte, auf ihn wartete. Aber sein Vorhaben wurde verraten. Junker Dschuang ging nur noch unter starkem Schutz aus. Gegen einen hohen Lohn stellte er einen berühmten Schützen als Leibwache ein.

Obwohl Mu einsah, daß sein Plan nun undurchführbar war, lauerte er doch täglich auf demselben Fleck. Eines Tages wurde er von einem heftigen Regen überrascht, er zittern vor Kälte, und bald darauf fing es an, zu hageln. Allmählich empfand Mu weder Prickeln noch Schmerzen mehr. Er flüchtete sich in den nahen Tempel, der dem Berggott geweiht war. Dort traf er einen Taoisten, dem er oft in den Dörfern begegnet war, und dem er Almosen gegeben hatte. Der brachte Mu eine Kutte und sagte: "Zieh sie an!" Mu tat es. Trotzdem fror er immer noch und er kauerte sich wie ein Hund zusammen. Plötzlich bemerkte er, daß seine Haare zusehends zu wachsen anfingen, und schon im nächsten Augenblick war er in einen Tiger verwandelt. Der Taoist war verschwunden. Zuerst war Mu über seine Verwandlung völlig entgeistert. Doch beruhigte er sich schnell, als er daran dachte, daß er in seiner jetzigen Gestalt viel eher die Möglichkeit haben würde, sich an dem Mörder seines Stiefbruders zu rächen. Behend raste er zu der Stelle, an der er sonst auf Dschuang gelauert hatte. Zu seinem Entsetzen fand er dort, in einem Gebüsch, seine eigene Leiche liegen. Da begriff er, daß er bereits gestorben sei. Und weil er befürchtete, seine Leiche könne von den Aasvögeln vertilgt werden, bewachte er sie mit großer Aufmerksamkeit.

Am nächsten Tage kam Junker Dschuang mit seiner Leibwache vorbei, und Mu, der Tiger, sprang auf ihn los und biß ihm den Kopf ab. Die Leibwache schoß mit Pfeilen nach dem Tiger und traf ihn tödlich. In dem großen Wirrwarr kam Mu wieder zu sich. Ihm war es, als sei alles im Traum geschehen. Erst am anderen Tage konnte er wieder laufen. Langsam kehrte er heim. Die Freude seiner Angehörigen war ungeheuer, denn sie hatten ihn schon seit zwei Tagen vermißt. Sie wollten wissen, was sich zugetragen habe. Aber Mu lag da, ohne ein Wort zu sagen. Kurze Zeit danach brachte man ihm die Nachricht, Junker Dschuang sei von einem Tiger getötet worden. Da begann Mu mit einem Male zu sprechen: "Vom Tiger? – das war ich selbst!" Jetzt erzählte er die sonderbare Geschichte der Verwandlung, und sie verbreitete sich rasch.