Von Claus Jacobi

Und wieder muß von Remarque gesprochen werden. Nach der "Haut" des patriotischen Spötters Malaparte und den "Nackten und den Toten" des schokierenden Amerikaners Norman Mailer ist nun auch das "Weekend a Zuydcoote" Robert Merles in Deutschland erschienen ("Wochenend in Zuidcoote", Biederstein Verlag, München, 273 Seiten). Den Zeugnissen der USA und Italiens über den Krieg aus der Regenwurmperspektive ist damit das Zeugnis Frankreichs hinzugefügt worden. Es fehlen noch jene von England und Deutschland. Beide werden wahrscheinlich vorerst noch auf sich warten lassen, weil den Engländern der Krieg aus dieser Sicht schlechthin peinlich ist (ihr Zeugnis schreibt Churchill) und weil die Deutschen noch heute nicht mit dem Nationalsozialismus und also nicht mit dem zweiten Weltkrieg fertig geworden sind.

Der Staub, den "Wochenend in Zuidcoote" in Frankreich aufgewirbelt hat, ist schon vor Jahresfrist zu uns gedrungen. Es erhielt den Prix Goncourt, wurde ein bestseller, eine literarische Sensation. Schon die Originalauflage betrug über 200 000. Inzwischen ist es in fast sämtliche europäischen Sprachen übersetzt worden. "Ein Buch, das ein Mann für Männer geschrieben hat", kommentierte Carrefour.

Das "Wochenend in Zuidcoote" ist der Sonnabend/Sonntag der Schlacht von Dünkirchen Anno 1940. Für die Nazis galt Dünkirchen stets als größter Sieg im Westen, für die Engländer war es der Tag des eigentlichen Kriegsbeginns, für die Franzosen blieb es eine Schlacht unter vielen in einem längst sinnlos gewordenen Krieg. Ein paar versprengte Soldaten der französischen Armee erleben diese zwei Tage in einem organisierten englischen Ambulanzwagen, einer Roulotte, am Strand von Zuidcoote bei Dünkirchen, erwarten hier, im Rücken das Meer, auf einem immer schmäler werdenden Stück Frankreich inmitten von Tausenden verlassener Autos, Tausenden Verwundeter, Versprengter und Flüchtlingen und aber Tausenden fortgeworfener Waffen ihre Gefangennahme. Da sind sie: Alexandre, ein Handwerker, der seine Frau, die Ordnung und Roulotte liebt und seine Kameraden bekocht und bemuttert Pierson, der katholische Curé, Dhéry, der Prospektor des Untergangs, und endlich Maillat.

Einer von ihnen, eben Maillat, macht sich am Sonnabend auf in den nahegelegenen kleinen Hafen Bray-Dunes. Dort laufen die ersten von den dauernden Stuka-Angriffen wahnsinnig gewordenen Soldaten umher. Dort aber werden auch Soldaten eingeschifft, englische Soldaten. Es gelingt Maillat trotzdem, mit Hilfe eines Shakespeare-Zitats auf ein englisches Schiff zu kommen. Sechs Stukas kreisen über ihnen, "das glich den wohl einstudierten Figuren eines Balletts, eines gigantischen Balletts in zweitausend Meter Höhe, einer Art sakralen Tanzes vor dem Angriff". Vier Bomben verfehlen ihr Ziel, die fünfte setzt den Transporter in Brand. Die Mehrzahl der Engländer verbrennt; Maillat kann sich ans Ufer retten. Er kehrt zurück nach Bray-Dunes, erschießt zwei Männer, die ein Mädchen vergewaltigen wollen, und vergewaltigt es dann selbst. Noch einmal findet er für kurze Zeit Ruhe in Roulotte am Strand von Zuidcoote, in den bemutternden Armen des Alexandres und der milden Unnachgiebigkeit des Curés. Dann löst sich Dhéry von ihnen, weil er, der eiskalte Geschäftsmann, als einziger die Leiden der Zukunft voraussieht und mit den Leiden das Geschäft. Er hat sich Zivilpapiere besorgt, einen Hof gepachtet und in dessen Keller Schuhe und Reifen zu Haufen gestapelt, um sie später seinen arm gewordenen Landsleuten zu verkaufen. Dann fällt Alexandre, weil er es Maillat abnahm, Wasser zu holen. Noch einmal kehrt Maillat da zurück nach Bray-Dunes, um mit dem Mädchen Jeanne unter einer Stukabombe sein Leben zu beenden. Pierson, der Abbé, in dem die ersten Zweifel aufgetaucht sind, und Dhéry, der Schieber, der die letzten Skrupel verloren hat, überleben sie.

"Wochenend in Zuidcoote" ist das erste Buch des 42jährigen Robert Merle. Seine Hauptfigur Maillat – das ist er selbst, der Europäer unserer Zeit. Sein Buch ist ein Triumph der pointenreichen Inkonsequenz. Es gibt keine Pointe, die Merle nicht setzen würde, keine Tat, die folglich Maillat nicht begehen könnte, und also keine Szene, die wir Europäer als Leser nicht akzeptieren würden. Maillat verabscheut das Töten und mordet zwei Menschen. Maillat rettet ein Mädchen und tut ihm selbst Gewalt an. Maillat liebt dieses Mädchen Jeanne und stirbt mit ihr, weil er beim Fliegerangriff nicht in den Keller geht. Maillat lehnt es ab, mit dem Schieber Dhéry halbpart zu machen, und weiß nicht einmal einen Grund dafür. Maillat ist der Freund Alexandres und verursacht dessen Tod, weil er zu spät zum Essen kommt und Alexandre statt seiner Wasser holen läßt, obgleich er an der Reihe ist. Maillat ist weder Patriot noch Defätist. Er haßte den Krieg schon vor Beginn und desertierte nicht, weil er wußte, daß darauf die Todesstrafe stand. Maillat glaubt an die Aussichtslosigkeit.

Robert Merle ist einer jener Neo-Realisten wie Hemingway im Roman oder Rossellini im Drehbuch –: ist also alles andere als ein Realist. Wie bei allen Neo-Realisten, ist auch bei ihm die einzelne Szene zweifellos wahr, unglaublich echt geschildert. Der daraus zusammengesetzte Streifen dieser realistischen Bilder allein, die story, ist erdichtet. Der aneinandergereihte echte Schmutz seiner Szenen ergibt heroischen Dreck, gleichgültig, ob es sich um Erotik oder um den Krieg handelt. Der aneinandergereihte Schmutz des Lebens aber ist alles andere als heroisch, ist schmierig unbedeutend, gleichgültig, ob es sich um Liebe oder Sterben handelt. Doch dieses ist bei Merle, um bei dem populären Beispiel zu bleiben, sowenig wie bei Hemingway oder Rosellini ein Urteil gegen den Wert des Buches, höchstens gegen den Anspruch des Realismus. Robert Merles Buch hat kaum eine Schwäche. Eine Schwäche hat nur sein Zeugnis des Krieges.

Für Remarque war der Krieg ein Gegner. Für Merle ist er Kulisse. Sein Roman spielt in einer der größten Schlachten des zweiten Weltkrieges. Drei Viertel des Buches hätten aber nicht notwendigerweise diesen Schauplatz haben müssen. Gespräche, Erlebnisse und Figuren erhalten durch den Krieg schärfere Konturen. Der Krieg jedoch erhält nicht schärfere Konturen.