Felix Brauns Selbstbekenntnis

Geschichte eines Versuches, als Dichter zu leben", nennt Felix Braun sein selbstbiographisches Buch, das unter dem Titel Das Licht der Welt in der Thomas-Morus-Presse (Verlag Herder, Wien; 752 S.) erschienen ist. Er schrieb es in seiner Exilheimat, Kendal in Westmoreland, und schloß es ab im Jahre 1941. Bedenkt man, daß es also die Niederschrift eines Emigranten und noch inmitten der dunkelsten Jahre ist, und hat man dabei zu erstaunen über die Abwesenheit jeglichen Ressentiments, geschweige denn jeder Bitterkeit, jeden Hasses, so begreift man sogleich, wie ernst es hier gemeint ist mit den Inhalten des genannten Haupt- und Untertitels. So doppeldeutig sie sich geben – denn der "Versuch, als Dichter zu leben", bezeichnet sowohl die Beziehung zu einer sehr nüchternen Zeit wie den Kampf mit eigenen Anfechtungen, Zweifeln, Hemmungen, und das "Licht der Welt" dringt ebenso von außen wie von innen auf den Menschen ein –, so eindeutig ist doch der Standort festgelegt, von dem aus diese Zweiseitigkeit erlebt wird. Er heißt: Verantwortung. Und wem Verantwortlichkeit so sehr das Element des Daseins ist, der wird sich von der Versuchung, anzuklagen, notwendig immer wieder auf die Selbstanklage zurückverwiesen sehen. So ist das Leitmotiv dieser Selbstbiographie dasselbe, das auch eines der letzten Bücher Felix Brauns, den Roman "Der Stachel in der Seele" (Amandus Edition, Wien; 430 S.), durchzieht. Es ist der Stachel der Selbstanklage; ist des Dichters Glaube an sein Unvermögen, zu lieben, das heißt: sich über sich selbst hinauszusetzen.

Selbstgericht unter dem Stachel stets wachen Verantwortlichkeitsgefühls ist offenbar kein Ereignis in diesem Dichterleben, sondern sein permanenter Zustand. Nur bisweilen wird er durchbrochen und findet sich auch ein Urteil ein, das anderer Menschen Schuld fixiert. Der Sohn einer in Österreich alteingesessenen jüdischen Familie, der keine andere Heimat kennt und kennen will als die der hohen Geister, denen er seine Dichtersprache und seine Ideenwelt verdankt, deckt die Unverantwortlichkeit jenes Treibens unreifer Köpfe auf, die schon lange vor dem Nazismus den Menschen seinesgleichen das Recht auf Zugehörigkeit, Heimat und Vaterland absprachen. Und er erkennt klarsichtig das Unheil, das auch in weltpolitischer Hinsicht aus künstlicher Aufstapelung durchaus versöhnter Gegensätze (das tschechische Problem wird hier beleuchtet) erwachsen mußte, als blinde chauvinistische Instinkte eines früh schon übersteigerten Teutonismus den Zerfall der Donaumonarchie vorbereiteten.

Das liebenswürdige und reiche Lebensbild dieses Raumes, dieser blühenden natürlichen und geistigen Landschaft um den Mittelpunkt Wien ist nicht der kleinste Gewinn des Buches, neben seinem Gehalt an respektgebietender menschlicher Substanz. Man erlebt hier noch einmal jene herbstlich leuchtende Spätepoche der Wiener Kultur, die mit Namen wie Hofmannsthal, Stefan Zweig und vielen anderen ähnlichen Klanges weit in die Umwelt ausstrahlte und selbst im preußischen Berlin Resonanz und Entsprechungen fand.

Noch manches ließe sich über das Buch und seinen Autor sagen. Mag es immerhin der Spiegel einer umgrenzten Subjektivität sein – es enthält doch eine Fülle objektiver Werte, die heute verlorenzugehen drohen und deren Erhaltung wir nicht dem Zufall überlassen sollten. A–th.