Wie irrsinnig ist diese Welt, in der wir leben! Der Kreml, der oft genug bewiesen hat, daß sein einziges Interesse darin bestellt, Unruhe, Streiks, Aufstände und Bürgerkriege anzuzetteln, spricht seit Wochen in der Prauda und den Sendungen der TASS von nichts anderem als vom Frieden, spricht von der "Stockholmer Friedensresolution", spricht von den neuen gigantischen Plänen, das größte Wasserwerk der Welt in Kubyschew zu erbauen, spricht von der Aufforstung und Bewässerung riesiger Gebiete, von dem kommenden Paradies der friedliebenden Sowjetnation. Spaltenlange Artikel und vielstündige Sendungen, Tag für Tag – eine Großoffensive des Friedens! Zur gleichen Zeit bewilligen die Parlamente der westlichen Welt zur Erhaltung des Friedens riesige Summen für die Aufrüstung ihrer Länder, haben sich in New York die Außenminister der Atlantikpaktmächte versammelt, um die Verteidigung des Westens zu organisieren.

Wenn man seit der Entstehung des Atlantikpaktes, im April 1949, einmal die Konferenzberichte und Beschlüsse der letzten anderthalb Jahre durchblättert, wird einem erst klar, welch ungeheure Veränderung der ganzen Situation durch den Krieg in Korea herbeigeführt wurde. Monatelang hatten die Außenminister und Verteidigungsminister der zwölf Teilnehmeistaaten immer wieder beraten, konferiert und neue Fachausschüsse und Koordinierungsgremien eingesetzt. Sie gründeten einen Verteidigungsrat als Hauptorganisation, einen Militärrat als beratendes Organ, fünf regionale Planungsgruppen, ein Produktions- und Versorgungskomitee und ein ständiges Unterkomitee in Washington. Zuvor gab es bereits das Hauptquartier der westlichen Union, der sogenannten Brüsseler-Pakt-Staaten, in Fontainebleau. Aber während immer neue Verteidigungsbesprechungen in London, Paris, den Haag, New York abgehalten wurden, griff der Defaitismus unter den Bürgern all dieser Staaten immer weiter um sich. Niemanden schienen die Konferenzen der Minister und Generäle wirklich anzugehen, Alle Westeuropäer waren im Grunde überzeugt, daß es aussichtslos sei, ein abgerüstetes Westeuropa gegen 175 sowjetische Divisionen, 20 000 Flugzeuge und ebenso viele Panzer zu verteidigen. Dann kam der Krieg in Korea ...

Amerika sprang in die Bresche, um auf 12 000 Kilometer Entfernung mit den wenigen Divisionen, die ihm zur Verfügung stehen, den Blitzkrieg der Nordkoreaner aufzufangen. Und heute – nach wenigen Wochen – hat sich das Bild gewandelt. Es ist, als ob der Bann einer lähmenden Lethargie plötzlich gebrochen und die Erkenntnis wieder wach geworden sei, daß Verteidigung nicht nur eine Frage technischen Materials ist, sondern zuerst und vor allem eine Frage des Willens, der Entschlossenheit und der geistigen Bereitschaft.

Wie schon so oft in den letzten Jahren war es der alte Churchill, der in Straßburg, sehr zum Entsetzen des Europa-Rates, gleichsam mit einer Handbewegung die vielen Organisationen und regionalen Pakte beiseite schob und zum erstenmal von einer internationalen westeuropäischen Armee, einem gemeinsamen Führungsstab und einem einzigen Oberkommendierenden sprach. Die New Yorker Konferenz der Atlantikpaktminister hat diese Idee im wesentlichen übernommen und beschlossen, einen nordatlantischen Oberbefehlshaber für die europäische Verteidigung zu ernennen. Aber diesmal ist es nicht nur eine Angelegenheit von Fachleuten und Mini-Stern, die auf dem Papier neue Organisationen aufbauen. Diesmal greift der Entschluß, die westliche Welt zu verteidigen, tief hinein in die nationalen Wirtschaften und in das Leben all ihrer Bürger.

Großbritannien hat einen dreijährigen Aufrüstungsplan aufgestellt mit einem Etat von 3,6 Milliarden Pfund (44 Mrd. DM) und die Dienstzeit von 18 auf 24 Monate verlängert, Attlee hat in der großen Verteidigungsdebatte des Unterhauses verkündet, daß die britischen Truppen von 6 1/2 aktiven Divisionen auf 10 aktive und 12 Reservedivisionen (zu 15 000 bis 18 000 Mann) verstärkt werden sollen, die nach den Aussagen Shinwells im Mobilisierungsfalle schon im nächsten Jahre zur Verfügung stehen könnten. Frankreich wird seine Dienstzeit von 12 auf 18 Monate verlängern und will in den nächsten zwei Jahren 15 Divisionen aufstellen. Auch Holland und Belgien verlängern die Dienstpflicht und werden neue Verbände aufstellen. Desgleichen wird Italien seine militärische Stärke von 8 auf 10 Divisionen erhöhen. Norwegen, Schweden und Dänemark haben große Summen für eine beschleunigte Wiederaufrüstung und den Ausbau ihres Verteidigungssystems bewilligt. Und inzwischen hat auch der Bewilligungsausschuß des US-Senats die 17 Milliarden Dollar (70 Mrd. DM) zusätzliche Ausgaben für Rüstung und Finanzierung der Waffenhilfe gebilligt. – Milliarden und Milliarden, für den Frieden oder für den Krieg? Wer weiß es ...

Alle Forderungen, die in New York laut wurden und die auch Churchill stellte, nennen eine Zahl von 60 europäischen Divisionen, die notwendig seien, im Ernstfall den ersten Ansturm des Ostens aufzuhalten. Le Monde will wissen, daß die Amerikaner innerhalb dieser Rechnung auch zehn deutsche Divisionen vorgesehen hätten, Aber die Franzosen haben die Aufstellung deutscher Verbände in New York kategorisch abgelehnt. Kein Wunder, denn einstweilen ist die Frage der Waffenbeschaffung in allen Ländern schwieriger als die Rekrutierung des Menschenmaterials, sodaß zunächst einmal ein allgemeiner Kampf um die Priorität der amerikanischen Waffenlieferungen begonnen hat. Für uns ist nicht die Frage der Remilitarisierung entscheidend, sondern allein der Schutz unseres Landes. Gegen den großen Angriff aus dem Osten vermag in absehbarer Zeit uns niemand zu schützen, auch nicht mit deutscher Hilfe, aber gegen die näher liegende Gefahr, den Bürgerkrieg, gibt es einen weit besseren Schutz als die Remilitarisierung Deutschlands, nämlich eine offizielle Garantie der Alliierten für das Territorium der Bundesrepublik. Nur wenn wirklich unmißverständlich klar ist, daß jeder Übergriff der Ostpolizei die Truppen der Alliierten in Westdeutschland in Bewegung setzt, kann die Hauptgefahr einer Neuinszenierung des koreanischen Bürgerkrieges auf deutschem Boden gebannt werden. Marion Gräfin Dönhoff