Von W. Fredericia

Der Glaube an die Heiligkeit des Rechts hat unzweifelhaft größere Macht bei den Völkern als bei den Staatsrechtlern der Welt." Eivind Berggrav, der Osloer Bischof, der sein Buch Der Staat und der Mensch (Claassen Verlag, Hamburg) 1944 in politischer Haft geschrieben und vollendet hat, formuliert mit diesem Satz eine der fundamentalen Vorausleistungen des Elends unserer Zeit. Denn den Staatsrechtlern sind die Staatsmänner gefolgt: "Die moderne Rechtslehre war Hitlers Prophet"

Bischof Berggrav führt mit ungeheurem Temperament seinen Angriff gegen den Moloch Staat. "Der Staat ist die kleine Anzahl von Personen, die ihn repräsentieren." Berggrav will damit ausdrücken, was auch Burckhardt ("Der Machthaber und sein Anhang") angedeutet hat, daß der Staat Befehl Organisation ist und sich einem Prozeß der fortgesetzten Selbsterhöhung untergräbt. Er ist "eine Potenz, die unweigerlich dämonisch wird, wenn man sie nicht vermenschlicht".

Berggrav ist im Gefängnis nicht blind für die Wirklichkeit geworden. Während er unter dem nationalsozialistischen Terror leidet, macht er sich klar, daß dieser nicht der erste in der Geschichte ist. Er zieht den Terror der Französischen Revolution als Beispiel heran, die ebenfalls ihre Ideologie zur "Tugend", die Tugend aber zu einem Ziel gemacht hat, das, wenn erforderlich, durch Tod und Terror gefördert werden muß, und fährt fort: "Man kann fragen: weshalb derlei aus der Vergangenheit hervorziehen, wenn die Gegenwart ganz das gleiche hat? Ja, deshalb, weil die Schrecken der Gegenwart auf diesem Gebiet sonst allzu leicht als etwas noch nie Dagewesenes angesehen werden, als eine widerwärtige Erfindung heutiger politischer Schurken, als etwas, von dem man nicht behaupten kann, es liege im Wesen der Staatspolitik und der Ideologien. Es wird sich verhängnisvoll rächen, wenn wir jenen Männern, die für die Erlebnisse unserer eigenen Zeit verantwortlich sind, jetzt wieder nur das Etikett Schurken anheften und nicht sehen wollen, daß durch das Geschehen eine Linie geht, die wir vermutlich in der Staatspolitik fortzusetzen gedenken, bis sich diese wieder einmal mit der gleichen Perversität entfalten wird."

Die lügenhaften Ideologien selbst sind zu untersuchen. "Die Frage ist ohne Interesse, ob Robespierre und Hitler an ihre Ideologie geglaubt haben. Sie haben daran geglaubt und auch nicht daran geglaubt, Anfangs glaubt jeder – mehr oder minder – an seine Ideologie, Aber mit dem Handeln bekommt er mehr und mehr die Ideologie in seine Macht und nutzt sie aus – schließlich bewußt betrügerisch. Merkwürdigerweise ist kein Schritt so klein wie der von der künstlich angefertigten Ideologie zu praktisch ausgeübter Roheit."

Berggrav will den Staat vermenschlichen. Den Weg dazu sieht er in einem Abbau der Souveränität überhaupt. Das Mittel ist ihm die Föderation, in der die großen und die kleinen Völker gleichberechtigt sind, nachdem sie im eigenen Hause selbst den Rechtsstaat verwirklicht haben. Nicht der wirtschaftliche Vorteil, den der Zusammenschluß mit sich bringt, sondern der Verzicht auf Souveränität, der zuletzt ein Verzicht auf "das Böse" ist, schwebte Berggrav vor, als er in seiner Zelle von einer europäischen Föderation träumte, zu der jetzt in Straßburg, Paris und Bonn die ersten Schritte getan werden. Er gab sich freilich damals noch nicht Rechenschaft von der neuen und gefährlicheren Krise, in die die Welt seither durch die Spaltung in zwei große Machtblocks geraten ist, einer Krise, die uns, durch Aktion und Reaktion, auf beiden Seiten der Grenze immer weiter von dem Sehnsuchtszel der Vermenschlichung des Staates zu entfetten droht.

Etwa zur gleichen Zeit befaßte sich der deutsche protestantische Theologe Friedrich Gogarten (Die Kirche in der Welt, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, DM 7,20) mit der gleichen Frage: "Was soll man tun gegen die Verwandlung des Staates in die Bürokratie eines Menschdaseins, die wohl Verordnungen ohne Zahl, aber keine Ordnung zustande bringen kann?" Zur Charakterisierung des Staates durch Zeiten und Völker zitiert Gogarten den Chinesen Dschuang Dsi mit folgendem Satz: "Es ist die fragwürdige Klugheit der Welt, daß sie sich gegen Diebe, die Kisten aufbrechen, Taschen durchsuchen, Kasten aufreißen, dadurch sichert, daß man Stricke und Stile darum schlingt, Riegel und Schlösser befestigt. Wenn dann aber ein großer Dieb kommt, so nimmt er den Kasten auf den Rücken, die Kiste unter den Arm, die Tasche über die Schüller und läuft davon, nur besorgt darum, daß auch die Stricke und Schlösser sicher festhalten. S" tut also einer, den die Welt einen klugen Kann nennt, nichts weiter, als daß er seine Stehen für die großen Diebe beisammenhält." Auch Gogarten sieht den Verfall des Staates im Zusammenhang mit dem Verfall von Recht und Moral, die nicht aus sich, sondern aus einem "Umfassenden" leben, das aber heute fehlt. Man habe lange gemeint, die Nation als dieses Umfassende verstehen zu dürfen. Indem der Mensch Individuum wurde, was er in der mystischen Welt noch nicht war, und indem der Begriff des Nationalismus erwächst, durch den das Volk ans einem Seienden ein. Seinsollendes, aus einem erwachsenen ein Gemachtes und Zumachendes wird, wird das Umfassende ausgehöhlt und aufgelöst. "Der Nationalismus verwandelt das Volk als einem Wesen, das sich selbst genügt, in eins, da sich niemals genug ist... Man muß jedoch unterscheiden: nicht der politische Ausdehnungsdrang, nicht Eroberungskriege, die es führt, sind an und für sich schon Anzeichen dafür, daß ein Volk vom Nationalismus beherrscht ist. Nationalistisch in diesem Sinn ist dergleichen erst, wenn du Volk... sich als das die ganze Existenz des Renschen Umfassende versteht. Wenn also die nationale Selbstbehauptung mit dem Anspruch geschieht, in ihr gehe es um die letzte, alles umfassende und alle anderen Ordnungen begründende Ordnung des menschlichen Lebens." Diese Wandlung vollzieht nach Gogarten erst der autonome, d. h. "der in sich selbst, in seiner Freiheit gegründete, seiner Welt mündige Mensch".

Nachdem der Versuch, die Nationen zu dem Umfassenden zu machen, Europa an den Rand des Abgrundes gebracht hat, ist die Hinwendung vieler Menschen zur Kirche ein Suchen nach demjenigen Umfassenden, das Kirche und Christentum einmal gewesen sind. Soll diese Hinwendung fruchtbar sein, dann muß die Vereinbarkeit der säkularisierten Freiheitsideen mit der Kirche gesichert sein; darauf ist die weitere Beweisführung Gogartens gerichtet.