Als 1948 der Eiserne Vorhang zwischen West- und Mitteldeutschland niederging und auch kein schmaler Spalt zum Austausch von Büchern und Zeitschriften offen blieb, wurde der westdeutsche Verlag auf einen neuen Weg gezwungen. Die Straße nach Leipzig war verbaut. Mit der Übersiedlung größerer Leipziger Verlagshäuser ins Rhein-Main-Gebiet (Insel, Brockhaus, Breitkopf & Härtel nach Wiesbaden, Suhrkamp nach Frankfurt) bildete sich im hessischen Raum dank der für die drei Westzonen zentralen Lage und gefördert durch die Initiative einzelner Buchhändler sowie die Wirtschaftsplanung einzelner Städte ein neuer Schwerpunkt des Verlagswesens.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels würde als Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände ins Leben gerufen und in Frankfurt heimisch; die Deutsche Bibliothek Frankfurt gegründet mit der Aufgabe, das Werk der Deutschen Bücherei in Leipzig unbeeinflußt von politischen Strömungen fortzuführen. Die Frankfurter Buchmesse ist, nachdem Leipzig als zentraler Büchermarkt ausfiel, nichts als eine Folgerung, die sich zwangsläufig durch das unselige Zonensystem der Siegermächte ergab.

Nun ist es freilich nicht so, als habe eine gewisse Städte- oder Stammesrivalität aus der politischen Situation Kapital geschlagen und, nachdem schon Börsenverein und Deutsche Bibliothek am Main saßen, kurzerhand die Leipziger Buchmesse kopiert. Es waren auch keine historischen Reminiszensen, die zur Frankfurter Buchmesse anregten. Die Frankfurter Buchmesse wurde geboren aus der Not des Buchhandels, die nach der Währungsreform, genauer: im Frühjahr 1949 als späte Folge der Währungsreform um sich griff.

Das kam so. Allen Prognosen entgegen erlebte der Büchermarkt gleich nach der Geldumstellung eine Hausse. Das Weihnachtsgeschäft 1948 war für Verlag und Sortiment günstig. Die Verleger setzten Bestände der RM-Zeit und die Produktion des Sommers 1948 leicht beim Buchhandel ab. Das Sortiment hatte plötzlich die Chance, seine jahrelang leerstehenden Regale zu füllen – und hat es bei dem offensichtlichen Interesse des Käufers für das Buch vielfach recht unbekümmert. Denn plötzlich zu Beginn des Jahres 1949 stockte der Absatz. Das Geld wurde knapp und vor allem mit dem Ende der Rationierung in lang entbehrten Lebensmitteln angelegt. Hinzukam: Die Käufer wurden wählerischer, als die Neuproduktion der Verlage mit besserem Papier, mit halbleinen oder ganzleinen Einbänden erschien. Bücher, um die man sich vor Monaten noch gerissen hatte, ließen sich kaum noch und wenn schon, dann nur noch mit erheblichen Preisabstrichen verkaufen. Die Lager des Sortiments hatten in wenigen Wochen einen wesentlichen Prozentsatz ihres Wertes verloren, das heißt, der Buchhandel hatte sein DM-Geld in Werten angelegt, die nur noch in beschränktem Maße Werte waren, hatte also sein Geld ein zweites Mal verloren. – Einen ähnlichen Lauf nahmen die Dinge zwar auch in anderen Wirtschaftszweigen, jedoch kaum so kraß wie auf dem Büchermarkt.

Es begann das, was man die "Buchkrise" nannte. Sortimentsbuchhändler mittlerer Städte schlossen mit einer Tageskasse von 20,– bis 25,– DM. Junge und unerfahrene Verleger hatten im glücklichen Besitz des blütenweißen Papieres und in der Hoffnung, de Hausse werde anhalten, viele Titel ins Programm gekommen und zum Teil Großauflagen gedruckt, die nun bezahlt werden mußten, aber nicht abgesetzt werden konnten. Vielen Verlagen ging es schlecht, Kommissionshäusern und Sortimenter dreckig. Die Krisenstimmung griff um sich und lähmte auch dort noch das Geschäft, wo man sich noch nicht in ernsthaften Schwierigkeiten befand. Der Buchhändler wurde sehr vorsichtig bei seinen Einkäufen, Die Erfahrung hatte ihn mißtrauisch gemacht. Da, gefördert durch die Besatzungsmächte in den ersten Jahren nach dem Kriege, sehr viele neue Verlage aus dem Boden geschossen waren, deren Name noch keine Vorstellung beschwor, und gerade die neuen am meisten in Schwierigkeiten kamen, wurde eine umfassende und objektive Orientierung des Buchhändlers über die Verlage und ihre Produktion zu einer Lebensfrage für den Buchhandel.

Die Anregung des Frankfurter Buchhändlers Alfred Grade, auf einer Messe oder Ausstellung aller Verlage in der Paulskirche diese Orientierungsmöglichkeit zu schaffen, lag also gleichsam in der Luft. Sie wurde von Verlegern und Sortimenten deshalb dankbar begrüßt und genützt.

So kam es zur Frankfurter Buchmesse 1949. 205 Verlage stellten aus und setztet, da der Sortimenter seine Chance begriff, für mehr als 2,5 Mill. DM um. Der Buchhändler hatte die Jahresproduktion beisammen, konnte in aller Ruhe betrachten, vergleichen, auswählen und empfand es als besonders angenehm, nicht dem Redetalent des seinen Laden aufsuchenden Vertreters ausgeliefert zu sein. Er kaufte bei solch vollständiger Übersicht nicht heute ein, was er morgen angesichts der Kollektion eines anderen Verlagsvertreters bereits wieder bereuen mußte. Der Verleger lernte seine Kunden persönlich kennen, konnte Lieferungs- und Zahlungsbedingungen in direkter Aussprache klären und fand den Kontakt mit dem Mann hinter den Ladentisch wieder, von dessen Geschick und Einsatz der Verlag nun einmal abhängig ist. Da auch die Leserschaft von der Orientierungsmöglichkeit auf der Messe sehr lebhaften Gebrauch machte – 15 000 besuchten in sechs Tagen die Paulskirche – hatte sich die bang gestartete Frankfurter Buchmesse im ersten Anlauf durchgesetzt. Sie wird alljährlich zur Zeit der Frankfurter Herbstmesse Verlag, Sortiment und Leser zusammenführen.