Hindemith feierte Bach Die zahlreichen Jubiläumsveranstaltungen zum Bach-Gedenkjahr in Westdeutschland haben sehr verschiedene Gesichter und sehr unterschiedliches Gewicht. Der Beitrag Hamburgs ist bisher nicht eben überwältigend gewesen – was die Quantität betrifft. Es soll allerdings in dieser Hinsicht noch einiges nachgeholt werden. Um so bedeutender fiel die große offizielle Feier in der Musikhalle aus dank der Persönlichkeit, die ihr das Gepräge gab: Paul Hindemith. Ihn dafür zu gewinnen, war ein glücklicher Gedanke; denn durch keinen so wie durch ihn konnte derart bezwingend zum Erlebnis werden, daß Bach in seiner ganzen Macht und Fülle lebt in unserer Zeit: als Vorbild der Vollendung und als guter Geist des verantwortungsbewußten heutigen Musikschaffens.

In dreifacher Gestalt legte Hindemith Zeugnis ab von seiner besonderen Berufenheit, diese Geistes-Gegenwärtigkeit Bachs ad aures zu demonstrieren. Zunächst als Komponist mit der deutschen Konzert-Erstaufführung seiner Kantate für Chor und Blasorchester Apparebit repentina dies. Die mittelalterliche Dichtung um das Jüngste Gericht hat Hindemith in eine musikalische Sprache übersetzt, die sich in gleichem Maße auf Bachschen Geist berufen kann, wie sie anderseits ganz die Errungenschaft und das Eigentum des Meisters unserer Tage ist: streng und gemessen in der Form, scharf konturiert in der Linienzeichnung, gebändigt und doch unmittelbar im "Ausdruck der Empfindung", der aber doch ohne Rest im rein Musikalischen objektiviert ist. Eine Sprache von visionärer Kraft, aber auch von letzter Reife, die bereits klassisches Maß gewonnen hat.

Dann hörte man Hindemith, den Bekenner, am Rednerpult. Sein Thema "Johann Sebastian Bach, ein verpflichtendes Erbe" bestätigte, was die eigene Komposition ausgesagt hatte: daß hier ein moderner Musiker auf der Höhe seiner Entwicklung eine Stufe der künstlerischen und menschlichen Weisheit erreicht hat, die heutzutage nicht von vielen erklommen wird. Nicht die Wiederherstellung eines von laienhaft-romantisierender Verkitschung gereinigten Bach-Bildes, nicht die liebenswürdig ironisierende Verurteilung stilistischer Gewissenlosigkeit in den landläufigen Bach-Aufführungen unserer "repräsentativen" Konzerte war – so wichtig und dringlich an sich – das Eindrucksvollste dieser Rede. Sondern es war der ungeheure Respekt, die (wenn man so sagen darf) nüchterne Ehrfurcht, die Hindemith selbst bezeugte und von uns forderte für eine Erscheinung, die das Höchste erreicht habe, was einem schöpferischen Künstler – der doch immer ein Mensch bleibt – zu erreichen möglich ist: eine Kunst, der es gelingt, "uns in unserem ganzen Wesen nach dem Edlen auszurichten". (Nebenbei: eine Kunst, in welcher der Klang nur noch "Gefäß für unser Besserwerden" ist; und "ein solches Besserwerden wird uns unduldsam machen gegen mindere Musik, gegen Geklingel, gegen Fahrlässiges und Nichtgekonntes".) Das einzigartige Vorbild aber verpflichtet die Nachstrebenden.

In dritter Gestalt erschien Paul Hindemith als Interpret; nämlich des "Magnificat" von Bach, des festlichen Ausklangs. Es ist üblich geworden, im Zeitalter der blendenden Pult virtuosen und der Schaudirigenten, überlegen-nachsichtig zu lächeln, wenn ein Komponist gelegentlich zum Taktstock greift. Publikum und Kritik sind in diesem Punkte heute schon so verdorben, daß sie den Mangel an mise-en-scène und an Eleganz oder Ekstatik des Gebarens als künstlerisches Manko und dirigentische Unzulänglichkeit verbuchen und demgemäß über die Leistung absprechen. Dementgegen möchten wir – gerade auch nach diesem Eindruck – wünschen, viel öfter große Werke der Vergangenheit durch große Komponisten der Gegenwart interpretiert zu hören. Es zeigt sich da nämlich, daß jeder nur seinesgleichen ganz versteht, und daraus ergibt sich so etwas wie stellvertretende Authentizität. Und daraus wieder eine Redlichkeit der Wiedergabe, die sich im Ergebnis als unbedingte Richtigkeit aufzwingt. Das war das beglückende Erlebnis auch bei diesem Anlaß. Das Werk erstand in einer Frische wie "am ersten Tag", in einem natürlichen Fluß (das Thema diktiert das Tempo!), einer Klarheit der Struktur, wie es wenige Ohrenzeugen überhaupt gekannt haben werden.

Es scheint, daß das Außergewöhnliche dieses Ereignisses wirklich empfunden wurde; denn dem Spender so erregender Aufschlüsse wurden am Ende lang andauernde ~~~~~~~ Huldigungen zuteil.