Wer etwas über die Sittengeschichte seiner Zeit nicht gänzlich ohne eigene Stellungnahme auszusagen versucht, betritt einen schmalen, gefährlichen Pfad, welcher auf der einen Seite an das harte, felsige Gelände der Prüderie, auf der anderen an den gleitenden Morast der sexuellen Libertinage grenzt. Demzufolge möge man es verzeihen, wenn wir auf unserer sitten- und seelenanalytischen Wanderschaft uns eines Krückstockes bedienen – der Sprache, als feinfühligstem Seismographen des zeitgenössischen Lebens. In ihr schwingt unzertrennlich unter und in der gefirnißten Oberfläche das Eigentliche, dem äußeren Augenschein Verborgene, mit.

Ich kann nie ohne eine Spur von Wehmut lesen, daß irgendwo auf der Welt – sei es in New York oder in einem kleinen Rivierabad oder kürzlich in Rimini eine neue Schönheitskönigin kreiert wurde. Nicht daß ich altmodisch wäre, aber es ist doch seltsam, daß jene diplomierten Schönheiten den ästhetisch Berufenen, den bildenden Künstlern, so selten zum Vorwurf dienen. Und es ist gewiß eine sehr feuilletonistische Frage, ob eine Venus von Milo, Tizians Frauenbildnisse oder Goyas Maja den Anforderungen solcher maßbandbewehrten Schönheitsgremien standgehalten hätten. Ästhetische Ideale sind dem Wandel der Zeiten unterworfen, wird man entgegnen. Das sei unbenommen; noch nie jedoch war in diesem Wandel der Gradmesser der Schönheit, der Standard der weiblichen Anziehungskraft – man verzeihe den hier aber notwendigen Ausdruck – so sehr vom Haupte zu den Beinen abgeglitten als in unseren Tagen. Wäre man wenigstens sich selbst und den anderen gegenüber ehrlich, spräche man nicht von einer Wahl der Schönsten, sondern von dem, was es wirklich ist, einer Prämiierung genormten Sex-Appeals. Dieser Begriff – appeal: Aufforderung oder Anreiz an das Geschlecht der oder des anderen – ist ein modernes Wortkind unseres Jahrhunderts. Ein Begriff im Zeichen des Auerhahns. Er wurde gezeugt in der biologistischen Ära Häckels und liegt auf einer Ebene mit Van der Veldes Empfehlungen einer Technisierung der Erotik. Mangel und Besitz, ein Mehr oder Weniger an Sex-Appeal, werden durch entsprechende Merkmale und Eigenschaften bestimmt, welche im Tierreich zu Zeiten der Brunft als Lockmittel und Signale der Werbung dienen. Das Balzen des Auerhahns, die Federpracht vieler Vögel, das Hochzeitsgewand mancher Fische, sie alle stehen im nämlichen Dienste eines urgewaltigen biologischen. Geschehens. Es ist dies ein Spiel von Reiz und Antwort, das sicherlich weit in die zwischengeschlechtlichen Beziehungen der Menschen eingreift. Im Bereiche einer rationalisierten, technifizierten und! damit ausschließlich sexualisierten Erotik jedoch geht der Mensch weit über die Grenzen des alle Lebewesen verbindenden Natürlichen hinaus – nicht etwa ins eigentlich Menschliche, sondern vielmehr in das geist- und lebensfremde Gebiet der Maschinerie. Dies ist die abstrahierte Konsequenz dieser mit "Sex-Appeal" so treffend erfaßten erotischen Praxis. Gewisse standardisierte Maße und Beziehungsverhältnisse am weiblichen Körper, irgendein in Journalen angepriesener Schwung der Lippen und andere ausgefeilte Details der Lockvogelarsenale verbürgen darin Erfolg beim anderen Geschlecht.

Die Kunst, zu bezeubern, ist etwas ganz anderes. Die Franzosen haben ein unübertreffliches und deshalb undefinierbares Wort für jene unaussprechliche Harmonie von Eigenschaften, welche einen Menschen befähigt, andere in seinen Bann zu ziehen. Es lautet Charme. Sein Gebrauch ist nicht unbedingt der erotischen Sphäre allein vorbehalten, verliert es sich jedoch in andere Felder – auch Diplomaten oder Wissenschaftler können unter sich charmant sein –, bleiben stets die heimatlichen Erinnerungsklänge daran haften. Es ist vielleicht kein Zufall, daß dieses Wort und seine undefinitable Bedeutung dem Französisch-Romanischen entstammt, daher, wo der Frau und "ihrem Flechten von himmlischen Rosen ins irdische Leben" eine stete, graziöse und aufdringliche Ehrfurcht gezollt wird. Dem angelsächsischen Sprößling Sex-Appeal sieht man dagegen an, daß in seiner Heimat die Frauen nicht alten eigentlich Männer sind, welche auf Zeit in ihre ursprüngliche Geschlechtsrolle beurlaubt verden. Vielleicht hört der Feinsinnige im Wortden Charme auch Musik nachklingen. Er hätte nicht unrecht; bezeichnet doch das lateinische Mutterwort "Carmen" ein Lied, ja mehr, ein 2auber-, ein Bestrickungslied. Sang eine Circe nicht solche Lieder, um Odysseus und seine Geführten sich gefügig zu machen? Vermochte nicht Orpheus mit der Macht des Sanges den Fürsten der Unterwelt zu rühren, die Loreley den lauschenden Schiffer ins Verderben zu locken? – Doppelgesichtig, die Möglichkeiten der Höhe und Tiefe umfassend, ist die menschliche Stimme. Dem Menschen allein zu eigen ist sie als Trägerin der Sprache wesentliches Zeichen seiner Andersartigkeit gegenüber der Tierwelt. Viele Denker erkennen sie als Äußerung und Einbruchsstelle des Geistes. Möglicherweise war es das, was Cocteau zu seinem monologisierenden Hörspiel "La voix humaine" begeisterte.

Jeder kennt Menschen, darunter auch Frauen, die unscheinbar, bisweilen sogar häßlich sind und doch, da sie zu sprechen und zu wirken beginnen, im guten wahren Sinne des Wortes bezaubern. Manch ein Mann war schon von einer Frau angenehm berührt, ja, sogar fasziniert, die zuerst kaum der Beachtung wert schien. Wer es erfuhr, weiß etwas vom Wesen des Charmes. Es gibt dafür auch historische Kronzeugen. Man berichtet in alten Chroniken von Ninon de Lenclos, einer der erfolgreichsten Frauen der an solchen nicht gerade armen französischen Geschichte. Sie soll noch im Alter von 80 Jahren junge Männer von Rang und – wie man erzählt – Geschmack begeistert haben. Kaum glaubhaft, daß dem etwas unserem Sex-Appeal Verwandtes zugrunde gelegen haben mag. Auch waren die Malern, Dichtern und Mäzenen in gleicher Weise verehrungswündigen (Kurtisanen der Renaissance und zuweilen sogar die Mätressen der Monarchen nicht immer so schön und so schlecht, wie man gemeiniglich annimmt. War ihr Erfolg nicht doch durch Unbestimmbares bestimmt? War es nicht ein wenig mehr als das, was jenen weiblichen – ich glaube in Hollywood – der Erde für spätere Generationen anvertrauten Musterkörperabguß auszeichnete? Es gibt – gottlob – keine Maße und Grade der Schönheit und Anziehungskraft, des Liebenswerten. Nirgendwo aber scheint der Zugang so schwer und so leicht zugleich zu sein wie in der Stimme der Geliebten. Folgen wir Rudolf von Delius, welcher rät: "Schließt die Augen und ihr hört die Stimme der Geliebten! Und ihr erfahrt den letzten Grund eurer Liebe!" Walter Schraml