Antwort auf einen englischen Brief

In einem Brief an die "Zeit" (Ausgabe vom 14. September 1950) hat ein Engländer in Deutschland zu dem Aufsatz "Selbstmord am Vorabend der Entscheidung" Stellung genommen. Er schrieb, unser Artikel habe zwei Behauptungen aufgestellt; "die erste: Großbritannien gefährde die westliche Einheit durch seine Weigerung, sich an einem politischen Verfahren zu beteiligen, welches seine eigene Politik der Vollbeschäftigung gefährden könnte; die zweite: Vollbeschäftigung ist in jedem Fall eine lächerliche, wenn nicht sogar gefährliche Politik, die wirtschaftlich untragbar ist, wenn sie nicht gestützt wird durch wachsende Einmischung und Überwachung von seiten des Staats". Dieser Brief erfordert eine Erwiderung, weil die Formulierung der zweiten Behauptung auf einem grundsätzlichen Mißverständnis beruht.

Ich habe in jenem Aufsatz gesagt, alle seien sich darüber einig, "daß die Beseitigung der Arbeitslosigkeit die erste Verteidigungslinie gegen den Kommunismus ist"; aber die einen wollten den Idealzustand der Vollbeschäftigung einfach mit finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen herbeiführen, die anderen strebten die Vollbeschäftigung als Resultat einer ausbalancierten Marktwirtschaft an. Ich habe mich dann bemüht, in aller Ausführlichkeit darzulegen, daß die erste Version, also die Herbeiführung der Vollbeschäftigung durch wirtschafts- und finanzpolitische Maßnahmen, zwangsläufig nach und nach zu einer totalen Kontrolle und Lenkung durch den Staat führt. Nicht aber habe ich behauptet, daß "Vollbeschäftigung in jedem Fall eine lächerliche oder gar gefährliche Politik ist, wenn sie nicht gestützt wird durch wachsende Einmischung von Seiten des Staats". Ich habe – mit anderen Worten – versucht zu beweisen, daß Vollbeschäftigung zweifellos ein Idealzustand ist, aber nur dann, wenn sie sich gewissermaßen in der zweiten Phase als Resultat einer ausbalancierten Marktwirtschaft ergibt, nicht dann, wenn sie in der ersten Phase zwangsweise zustande kommt. Genau so, wie Einstimmigkeit ein Idealzustand ist, wenn sie das Resultat allgemeiner harmonischer Übereinstimmung ist, nicht aber dann, wenn sie zwangsweise herbeigeführt wird.

Der Autor des Briefes sieht in dem vollbeschäftigten England das beste Bollwerk gegen den Kommunismus, und führt als Beweis an, daß es im englischen Parlament keinen einzigen Kommunisten gibt. Freilich, hätten wir Deutsche das sehr viel vernünftigere englische Wahlsystem, würde sich auch im deutschen Bundestag wahrscheinlich kein Kommunist befinden. Mit Recht macht ferner der Schreiber geltend, daß die Frage der sozialen Unterschiede in England verhältnismäßig belanglos sei – was aber, so muß man hinzufügen, offenbar nicht hindert, daß im Gegensatz zu Deutschland in England ständig gestreikt wird und zwar, wie der Arbeitsminister George Isaacs soeben feststellte, auf Grund kommunistischer Agitation! – Die abschließende Frage des Briefes lautete: "Welches Land verübt tatsächlich Selbstmord am Vorabend der Entscheidung, Großbritannien oder ein Land, das bewußt ein Heer von 500 000 bis 700 000 arbeitslosen Jugendlichen duldet?" Eine Gegenfrage: "Kann man es wirklich als Selbst-Mord bezeichnen, wenn auf Grund der Verträge von Jalta und Potsdam neun Millionen Ostvertriebene nach Westdeutschland hineingepreßt wurden und außerdem seit einem Jahr täglich etwa 1000 Flüchtlinge, darunter vor allem Jugendliche, aus der Ostzone über die Grüne Grenze kommen? Übrigens beträgt die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen heute nunmehr etwa 300 000 und nicht 500 000 bis 700 000.

Marion Gräfin Dönhoff