Wer philosophiert, muß auch möglichst viel wissen, gesehen, erlebt haben, über was er philosophieren kann" – so hat Erich Kaufmann einmal gesagt und dabei die Rechtswissenschaft davor gewarnt, sich einer "von den Realitäten des gesellschaftlichen und politischen Lebens isolierten unfruchtbaren Selbstgenügsamkeit" hinzugeben.

Nun, Erich Kaufmann weiß viel, hat viel gesehen und manches erlebt. Wenn einem, so ist ihm das "kathederhafte Schattendasein im letzten ‚verstaubten Winkel" fremd geblieben. Immer hat er Wissenschaft und Praxis zu verbinden verstanden, seit er, der am 21. September 1880 in Demmin (Pommern) als Sohn eines Juristen geboren wurde, die akademische Laufbahn in Kiel begann. Sein Weg führte ihn dann nach Königsberg, wo er an der Wirkungsstätte Kants neue Impulse für die schon vorher intensive Beschäftigung mit philosophischen Problemen erhalten haben mag. Es folgten einige Jahre in Berlin, unterbrochen durch die Teilnahme am ersten Weltkrieg, aus dem er verwundet zurückkehrte. Nach Kriegsende ging er nach Bonn, dann wieder nach Berlin. In der Zeit nach 1933 hat er es nicht leicht gehabt; einige Jahre nach der in Berlin erfolgten Emeritierung siedelte er nach Holland über, wo er während des zweiten Weltkrieges zu bleiben vermochte. Nach 1945 folgte er einem Ruf nach München. Mit Recht hat er seine akademische Laufbahn, die ihn von Nord nach Ost und West und schließlich nach dem Süden seines Vaterlandes geführt hat, als eine Tour d’Allemagne bezeichnet.

Erich Kaufmanns wissenschaftliches Werk ist vielschichtig und vielgestaltig. Von der "Staatslehre des monarchischen Prinzips" und der "Auswärtigen Gewalt und Kolonialgewalt in den Vereinigten Staaten" über die berühmt gewordene "Clausula rebus sie stantibus" bis zu den "Régles Generales du Droit de la Paix" und "Deutschlands Rechtslage unter der Besatzung" hat er Fragen der Staatslehre und des Staatsrechts, des Verwaltungsrechts und des internationalen Rechts behandelt. Immer wieder ist er zur Philosophie zurückgekehrt; immer wieder, vor allem in seiner "Kritik der neukantischen Rechtsphilosophie" und seinem Referat über "Die Gleichheit vor dem Gesetz" auf der Staatsrechtslehrer-Tagung von 1926 hat er für die Überwindung des Rationalismus, des historischen Empirismus und des Positivismus in der Jurisprudenz gekämpft: "Der Staat schafft nicht Recht, der Staat schafft Gesetze, und Staat und Gesetz stehen unter dem Recht." Mit anderen Worten: Der Gesetzgeber ist nicht allmächtig; jedes Gesetz gilt nur, wenn es mit den Prinzipien wirklichen Rechts in Einklang steht. An diesem Grundsatz hat sich Erich Kaufmann selbst gehalten, als er – aus dem holländischen Exil frei von jedem Ressentiment zurückgekehrt – jenen zu helfen bereit war, die unschuldig in das Getriebe von Nürnberg geraten waren. Leute von der Art und vom Schicksal Weizsäckers konnten immer auf ihn rechnen.

Ungeachtet der reichen Ernte auf dem Felde von Rechtswissenschaft und Philosophie ist Erich Kaufmanns hauptsächliches Arbeitsgebiet die außenpolitische Praxis gewesen. Seine Arbeit hat nach dem ersten Weltkrieg in großem Umfang dem Auswärtigen Amt gehört, dem er im Kampf um die Wiedergewinnung der völkerrechtlichen Stellung Deutschlands unschätzbare Dienste geleistet hat. Als Gutachter ebenso wie als Staatsvertreter in oder vor gemischten Schiedsgerichten und vor dem Ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag hat er mit unbeirrbarem Sinn der Sache des Rechts gedient und dabei internationales Ansehen gewonnen. Auch heute wieder steht er in der vordersten Front der Bemühungen um eine völkerrechtsgemäße Behandlung Deutschlands. Die großen Erfahrungen, die er unter nicht weniger als acht Besatzungsregimes gewonnen hat, haben in den letzten Jahren reiche Früchte getragen. Wie man hört, hat sich der Bundeskanzler seine Dienste als völkerrechtlichen Berater gesichert. Adenauer hätte keinen Besseren finden können.

Wer Kaufmann näher kennt, wer sich bei einem Glase Rotwein und einer Zigarre – die er zu schätzen weiß – oder auf einem Spaziergang am Starnberger See, wo er heute zu Hause ist, mit ihm unterhält, wird in diesem lebendigen, geistsprühenden und unternehmungslustigen Gelehrten niemals einen Siebziger vermuten. So scheut man sich, ihn den Nestor der deutschen Völkerrechtler zu nennen. Als ihren Doyen könnte man ihn vielleicht bezeichnen. Ihr Vorbild ist er ohnehin.

R. Stödter