Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, im September

Niemand verstand, warum Attlee am vorigen Donnerstag im Unterhaus den Beschluß der Regierung verkündete, die Verstaatlichung der Stahlindustrie in Angriff zu nehmen. Eigentlich hätte die englische Regierung ihren Beschluß, die Verwaltungsbehörde für die Steel Corporation einzusetzen, um ein volles Jahr hinausschieben zu können, ohne daß es zusätzlicher Gesetzgebung oder öffentlicher Behandlung bedurft hätte. Das Gesetz für die Verstaatlichung der Stahlindustrie hatte für die Durchführung dieser Maßnahme einen weiten Spielraum gelassen. So erregte denn die unerwartete Einsetzung der Behörde jetzt mitten in der Verteidigungskrise die Entrüstung der Opposition und führte zu dem Tadelsantrag, über den soeben abgestimmt wurde. Der Burgfriede, der zwischen Labour Party und den Konservativen im Hinblick auf die Wiederaufrüstung geherrscht hatte, ist damit beendet.

Es hat viele Spekulationen und Diskussionen darüber gegeben, warum Attlee das Risiko einer Abstimmung eingegangen ist. Wahrscheinlich, so sagt die Opposition, weil die extreme Linke seiner eigenen Partei einen Beweis dafür verlangt, daß die Regierung weiter zum Sozialisierungsprogramm steht. Man könnte Attlee vielleicht sogar den Wunsch unterstellen, den Konservativen die politisch unangenehme Aufgabe der "neuen austerity" zuzuschieben oder durch ein neues totes Rennen, wie im letzten Februar, die "nationale Koalition" moralisch zu rechtfertigen.

Doch nein: Attlee ist weder amtsmüde noch koalitionsfreudig. Er kämpft im Unterhaus verbissen um jede Abstimmung und hat hinter den Kulissen alle Annäherungs- und Vermittlungsversuche für eine Koalition von sich gewiesen. Attlee hat vielmehr die wirtschaftlichen und personellen Schwächen, die militärischen und politischen Schwierigkeiten, die sich mit Sozialisierungsbeginn in der Stahlindustrie einstellen müssen, aus einem anderen Grunde auf sich genommen. Er hat den Stahl-Ball ins Rollen gesetzt in dem Versuch, dadurch die Einheit der britischen Arbeiterschaft zu retten.

Es ist – offensichtlich mit einigem Recht – gesagt worden, es habe sich im Kabinett ein politischer Kuhhandel vollzogen. Der linksradikale, im engeren Sinne sozialistische Flügel der Labour Party habe seine Zustimmung vor allem zur Verlängerung der Wehrpflicht von 18 auf 24 Monate, aber auch zu den notwendigen zivilen Einschränkungen im Interesse der Aufrüstung von der Durchführung der Stahl-Sozialisierung abhängig gemacht. Das dürfte ein Teil der Wahrheit sein, jedoch eben nur ein Teil. Man kann den Stahl-Beschluß vom letzten Donnerstag eigentlich nur verstehen, wenn man ihn im Zusammenhang mit der Warnung vor kommunistischen Streikwühlern durch den englischen Arbeitsminister Isaacs vom letzten Freitag sieht.

Die Warnung des Arbeitsministers, daß kommunistisch orientierte Elemente auf Störung des britischen Verkehrs- und Wirtschaftslebens durch wilde Streiks nach einem umfassenden, wohldurchdachten Plan hinarbeiteten, kann nur jenen Engländern überraschend kommen, die bisher, wegen der gesunden demokratischen Abwehrkräfte der englischen Arbeiterschaft, nur wenige sichtbare Beweise derartiger kommunistischer Absichten bemerkt haben. Die Franzosen, Italiener, Deutschen können aus den letzten dreißig Jahren viele Erfahrungen dieser Art heranziehen, um die Berechtigung und den bitteren Ernst zu erkennen, der hinter der offiziellen englischen Warnung steht.