II. Kavalier zwischen Tod und Teufel – Das Münchener Abkommen

Drei Dinge tat Englands Premierminister Neville Chamberlain im September des Jahres 1938 zum erstenmal: Er flog das erste Mal, er sah zum erstenmal Deutschland und begegnete zum erstenmal Adolf Hitler. Die Münchener Konferenz konnte beginnen, über diese vielleicht bedeutendste Konferenz der Vorkriegszeit und ihre Entstehungsgeschichte berichtet heute der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker. Schon während des Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozesses, und nicht, wie irrtümlich berichtet, erst im Landsberger Gefängnis, schrieb der deutsche Diplomat seine Lebenserinnerungen nieder, mit deren Vorabdruck "Die Zeit" in der vorigen Nummer begann.

Anders als die Generale Haider und Witzleben es vorbereitet, nicht durch den Zugriff der deutschen Opposition auf Hitler, sondern international-politisch war der Friede virtuell gerettet, als Henderson eines Morgens, ich glaube am 14. September 1938, bei mir mit der Frage ankam, wann Chamberlain zu Hitler kommen könne, er sei dazu jederzeit bereit. Dieser Akt ist seitdem viel kritisiert worden. Die europäische Welt empfand ihn damals als eine mutige Tat und als eine große Erleichterung. Wahr ist, daß Chamberlain sich ohne eigentliche Diskussionsgrundlage angesagt hatte und ohne die unzweideutige Erklärung, er werde einschreiten, wenn Hitler Gewalt gegen die Tschechoslowakei anwende.

Am 15. September 1938 war auf dem Berghof in Berchtesgaden die bekannte erste BesprechungHitlers mit Chamberlain. Wir, das heißt Ribbentrop mit einigen anderen, hatten den alten, hageren Herrn mit seinem berühmt gewordenen Regenschirm am Flugplatz in München abgeholt und fuhren nun in einem Sonderzug hinein in das Berchtesgadener Regenloch. –

Während Hitler zu meinem Verdruß die Instruktionen an die Sudetendeutschen immer ohne das Auswärtige Amt gegeben hatte, war ich an diesem Tage zufrieden, daß er mit Chamberlain auch ohne Ribbentrop verhandelte, also unter vier Augen, wenn man unseren vortrefflichen Dolmetscher P. Schmidt nicht mitrechnen will. Nachdem sie fertig waren, schilderte Hitler Ribbentrop und mir das Gespräch in freudiger Bewegung. Er klatschte in die Hände wie nach einem höchst gelungenen Vergnügen. Er hatte das Gefühl, den trockenen Zivilisten in die Ecke manövriert zu haben. "Durch seine brutal bekundete Absicht", – so notierte ich mir – "auch auf die Gefahr eines gesamteuropäischen Krieges hin die tschechische Frage jetzt zu lösen, sowie durch den Hinweis, dann in Europa zufriedengestellt zu sein, sei Chamberlain zur Versicherung bewogen worden, die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland zu betreiben. Eine Volksabstimmung habe er, Hitler, nicht ablehnen können. Lehne die Tschechoslowakei sie ab, so sei die Bahn für den deutschen Einmarsch frei." Daran schlossen sich noch weiter ausschauende, renommistische Pläne, unter anderem auch die Verpflichtung, bei seinen, Hitlers Lebzeiten, die unausweichliche Auseinandersetzung mit unseren Gegnern zu bewältigen – Bemerkungen, die echt oder prahlerisch oder auch zur Beschwichtigung des kriegslüsternen Ribbentrop bestimmt sein mochten.

Gespräche im Hotel Dreesen

Die weiteren 14 Tage blieben turbulent. Ganz deutlich war, daß Chamberlain und sein Begleiter, Horace Wilson, nicht bereit waren, die Sudetendeutschen an der Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts gewaltsam zu hindern. Ebensowenig wünschten sie, durch einen Gewaltakt Hitlers zur bewaffneten Intervention gedrängt zu werden. Ohne Zweifel verließen sie Berchtesgaden in der Absicht, den sudetendeutschen Wünschen freie Bahn zu schaffen.