Von unserem Pariser Korrespondenten Arthur Rosenberg

Die Stabilisierung der westeuropäischen Wirtschaft ist eines der Ziele des Marshall-Plans, Sie ist die Voraussetzung für jene Gesundung der sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen, von denen man sich eine Immunisierung Westeuropas gegen die kommunistische Gefahr erwarten darf. – Wie weit ist es damit gediehen? Ein Ausschuß von Sachverständigen aus den beteiligten Ländern hat jetzt versucht, eine Antwort für die Zeit bis April 1950 zu geben, doch berücksichtigt er auch für seine Schlußfolgerungen die späteren Ereignisse.

Danach erfuhren die Preise bis zur Abwertung im September 1949 in den meisten OEEC-Staaten einen Rückgang, am stärksten in Italien mit 15 v. H. Erst die neuen Dollarrelationen bewirkten eine Preissteigerung, die aber (mit Ausnahme von Österreich) unter 5 v. H. gehalten werden, konnte. Die Löhne wiesen in der gleichen Zeit, mit Ausnahme von Deutschland, Österreich und Griechenland, nur geringe Aufschläge auf. Für Deutschland speziell wurde die Lohnerhöhung des Industriearbeiters zwischen Beginn und Ende 1949 mit 13 v. H. errechnet, die Stärkung der Kaufkraft auf Grund der amtlichen Statistiken mit 22 v. H.

Die entscheidende Rolle bei dieser Preissenkung trotz Nominallohn-Erhöhung spielte die Produktionssteigerung. 1948 war in den meisten Ländern die industrielle Erzeugung auf Vorkriegsniveau angelangt, und 1949 konnte Europa seine Erzeugung um weitere 13 v. H. steigern. In Deutschland speziell betrug die Produktionssteigerung von 1947 auf 1948 50 v. H., von 1948 auf 1949 weitere 48 v. H. Diese verbesserte Erzeugung erlaubte höheren Konsum. Der Vorkriegsverbrauch wurde "im Schnitt" wieder erreicht. Da sich aber die Bevölkerung um 10 v. H. vermehrt hatte, ist der Konsum, auf den Einzelnen bezogen, doch noch geringer als 1939. Und: das Konsumniveau weist noch beträchtliche Abweichungen zwischen den Ländern auf: Für Deutschland wird für 1949 zwar eine Konsumsteigerung um 20 v. H. errechnet, dennoch bleibt der Verbrauch hinter der Vorkriegszeit zurück; ebenso Österreich, Italien und Griechenland. Frankrech dagegen hat den Lebensstandard der Vorkriegsjahre bereits erheblich überschritten.

Für Investitionen haben im westeuropäischen Durchschnitt die Länder 18 v. H. ihrer verfügbaren Mittel aufgewendet. Deutschland liegt 1949 mit 183 Mrd. DM oder 20 v. H. über der "Norm", obwohl, wie überall, der Aufwand für öffentliche Zwecke weit höhere Beträge als vor dem Kriege erfordert. Leistungen für soziale Sicherheit, für Subventionen und für die öffentliche Schuld absorbieren durchschnittlich 20–30 v. H. der Volkseinkommen (in Westdeutschland noch höier). – Dennoch ist der Sparsinn wieder "da". Das Vertrauen in die Stabilität der Währungen ist wieder erwacht. Die dringendsten Ansprüche an Bedarfsartikeln sind gedeckt.

Noch weist die Zahlungsbilanz der OEEC-Staaten im Warenaustausch mit den übrigen Ländern für 1949 ein Defizit von 3 Mrd. $ auf. Aber der Abgang betrug 1948 noch fünf und 1947 sogar fast acht Mrd. Europa ist also auf dem Wege. Doch welche Folgen wird der Abbau der Marshall-Hilfe für die beteiligten Länder haben? Der Ausschuß kommt zu dem Schluß, daß in den Staaten, wo Konsumsteigerung und Investitiorstätigkeit zu einem großen Teil nur mittels amerikanischer Hilfe ermöglicht wurden (wie in Österreich, Italien und Griechenland), eine Senkung des Lebensstandards unvermeidlich sein dürfte, wenn nicht die Kapitaleinfuhr aus anderen Quellen zu fließen beginnt (– doch das ist ein besonderes Thema). Aktueller ist, daß die Erhöhurg der Ausgaben für Heereszwecke das bisherige Ergebnis der ERP-Hilfe beeinträchtigen muß, wenn nicht Wege zu einer Anpassung der Wirtschaftspolitik an die neuen Anforderungen gefunden werden können.