Die Fünfzig-Jahr-Feier des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg war mehr als ein lokales Ereignis, weil diese Bühne 1900 gegründet worden ist, um auf das gesamte deutsche Theater auszustrahlen, und weil deswegen Anlaß gewesen wäre, zu prüfen, warum der Abstand zwischen Auftrag und faktischer Bedeutung vom ersten Jahrzehnt (dem Direktorat Alfred von Bergers) bis heute immer mehr zugenommen hat. Die Festredner taten das mehr indirekt – Hans Erich Nossack, indem er erzählte, mit welchem Respekt man in Berlin um 1920 von Erich Ziegels Kammerspielen sprach; Senator Landahl, indem er die frühe Zeit des Schauspielhauses (bis 1910) recht viel wärmer beschrieb als die letzten vier Jahrzehnte. Deutlicher sprach der Umstand, daß die Festaufführung von einem Gastregisseur inszeniert und mit vier Gästen (von fünf Personen des Stückes) besetzt war. Die seit 1945 schleichende Intendantenkrise – auch jetzt schwirren wieder Namen durch die Luft – hat es zu keiner Konsolidierung kommen lassen, und für die neue Spielzeit wird ein Star-Theater mit auswärtigen Prominenzen angekündigt, eine Art permanenter Festspiele im Abonnement. Schonender ausgedrückt (mit den Worten des derzeitigen Intendanten Albert Lippert selbst): das Deutsche Schauspielhaus soll "die Mitte halten" zwischen Gründgens’ Düsseldorfer Ensemble-Theater und Dr. Sattlers reinem Gastspiel-Theater am Besenbinderhof.

Also mehr Einstrahlung als Ausstrahlung. Von den Gästen hängt alles ab; die fest Engagierten sind Staffage. An Lothar Müthels "Iphigenie"-Aufführung waren sie mit dem Arkas beteiligt. Das gesamte Ensemble außer diesem (Gerhart Bünte) saß im Parkett und sah den Vorgängen auf der Bühne zu.

Es gab viel zu lernen für Schauspieler. Solche Sprecher wie Liselotte Schreiner, Horst Caspar, Jochen Brockmann und (mit etwas Abstand) Günther Hadank sind heute auf deutschen Bühnen nicht eben reichlich zu finden. Ihnen gelang, unter Müthels intensiv durchdachter Führung, das Schwierigste: dem Goetheschen Vers alle "Getragenheit" zu entziehen und ihn als elementare Entladung, eben als Sprache, hören zu lassen. Daß dadurch das Düstere und Umschattete bei dem Tantalidenpaar beklemmender sich aufdrängte als in "klassischeren" Darbietungen, liegt gewiß an Goethe, der ja erst in der allerletzten Szene das Tragische auflöst. Es lag auch an dem Bühnenraum, den Cesar Klein gebaut hatte: nicht Wald mit Seeblick wie sonst zumeist (nach Feuerbachs Muster), sondern den ummauerten Vorhof eines skythischen Tempels, sehr barbarisch, kraß und furchterregend – wie jene Diana von Tauris, die von ihrer Priesterin Iphigenie Menschenopfer fordert und gar nicht so leicht zur Humanität zu bekehren ist, wie die landläufigen Vorstellungen meinen. C. E. L.