Die wirtschaftliche Bedeutung der Sachversicherung wird leicht unterschätzt, weil im Gegensatz etwa zur Lebens-, zur Kranken- oder zur Kraftfahrt-Versicherung ihre Zahl der Sachschäden, gemessen an dir Zahl der Versicherungsverträge, relativ, klein ist. Jeder muß sterben, fast jeder wird einmal krank, die meisten Autofahrer erleiden oder stiften einmal einen Schaden; Sachversicherungsschäden dagegen treffen immer nur eine Minderzahl.

Aus diesem Grund ist auch die durchschnittliche Prämie je Vertrag in den meisten Sachversicherungszweigen gering. Die Prämie für die Feuerversicherung etwa fällt im Ausgabenetat der allermeisten Haushalte and Betriebe nicht nennenswert ins Gewicht. Der Bürger, der 5 oder 10 Mark jährlich für seine Hausratversicherung zahlt, in Jahren oder Jahrzehnten keinen Schaden gehabt hat und überdies ermißt, wieviel bei aller Rationalisierung die Verwaltung jeder solcher Versicherung zwangsläufig kosten muß, ist versucht, den volkswirtschaftlichen Nutzeffekt dieses Wirtschaftszweiges gering zu achten.

Wer jedoch die Zahlen kennt, ist eines Besseren belehrt. Viele werden erstaunt sein in erfahren, daß die in der Bundesrepublik tat gen Unternehmungen der Sachversicherung (dazu gehören die Feuer-, Einbruchdiebstahl-, Leitungswasserschäden-, Glas-, Sturm-, Hagel-, Tier- und Maschinenversicherung) täglich 600 000–700 000 DM an Schäden ausbezahlen. Davon fallen etwa 45 v. H. an Gewerbe und Handel, rund 35 v. H. an die Landwirtschaft und etwa 20 v. H. an Wohnhausbesitz und Haushalte. Der größte und volkstümlichste Sachversicherungszweig, die Feuerversicherung, trägt daran den größten Teil. Die bei den Versicherern der Westzonen gemeldeten Feuerschäden betrugen 1949 rund 180 Mill. DM, im 1. Halbjahr 1950 rund 76 Mill. DM (gegenüber 61 Mill. DM im 1. Halbjahr 1949). Hiervon war ein erheblicher Teil Großschäden (im Betrag von 100 000 DM und darüber). 1949 waren es 129, im 1. Halbjahr 1950 bereits wieder 68. Alle drei Tage ein Großschaden: macht man sich das klar?

Diese Last trägt die deutsche Sachversicherung keineswegs mühelos. Sie ist. zwar ohne erhebliche Bestandsverluste durch die Währungsreform gekommen und erfreut sich seitdem, dank der starken Belebung von Handel und Wandel, der Rührigkeit ihrer Vertreter und des Vertrauens, das sie im Volke genießt, eines stetigen Prämienzuwachses in allen ihren Zweigen. Aber weit stärker sind die Schäden gestiegen. Das ist in der Hagel- und der Sturmversicherung in so starkem Maße der Fall, daß man bereits an Veränderungen des Klimas gedacht hat; das gleiche gilt aber auch für die Feuerversicherung, und hier vornehmlich für ihren industriellen Bereich. Die Gründe für diese Entwicklung, die sich noch stetig fortsetzt, sind nicht eindeutig zu bestimmen, zumal die Schadensursache häufig unermittelt bleibt; bedenklich stimmen kann die Beobachtung, daß nicht wenige Schäden auf notleidende Anfängerbetriebe entfallen.

Jedenfalls ist die industrielle Feuerversicherung heute das Sorgenkind der Sachversicherer. Sie ist seit je das Feld des schärfsten Wettbewerbs und dieser hat es in den durch guten Schadenverlauf gekennzeichneten Jahrzehnten seit 1930 vermocht, die Prämiensätze erheblich unter das dem heutigen Bedarf entsprechende Niveau zu senken so sehr, daß neuerdings die Aufsichtsbehörden sich veranlaßt gesehen haben, die Feuerversicherer in einem ernsten Appell an die Notwendigkeit ausreichender Prämien zu mahnen.

Die Bemühungen um eine Aufbesserung der industriellen Prämiensätze sind im Gange, und es verdient anerkannt zu werden, daß ein ständig wachsender Teil der Betriebe im Vertrauen darauf, daß die Wünsche ihrer Versicherer nicht grundlos sind, Prämienerhöhungen (wenn auch teilweise noch nicht in ausreichender Höhe) bewilligen. Andere Versicherte, leider vielfach ermutigt durch Makler und andere Berater, die ihre Rolle falsch verstehen, vertrauen lieber dem diesem Markte innewohnenden Hang zu ruinöser Konkurrenz und stellen sich auf Kampf ein. Man hat den Versicherern vorgehalten, es sei nicht erwiesen, daß das Prämienaufkommen in der industriellen Feuerversicherung nicht ausreiche. Dasselbe Mißtrauen ist im Falle der Autoversicherung amtlich als unbegründet festgestellt worden. Statistiken kosten Geld und Zeit. Wenn die Zahlen für 1949 vorliegen, werden sie lehren, was--die Feuerversicherer bereits nur allzu gut wissen: daß ihr Industriegeschäft seit der Währungsreform ein Verlustgeschäft ist.

Unterdessen sind die Sachversicherer ihrerseits, wenn sie schon die Prämie nicht ermäßigen; können, bemüht, den Versicherungsschutz zu verbessern. Die privaten Feuerversicherer werden demnächst eine gleitende Neuwertversicherung für Wohn- und landwirtschaftliche Gebäude einführen, ähnlich wie sie auch bei öffentlich-rechtlichen Anstalten geboten ist. Auch im industriellen Bereich ist neuerdings die Neuwertversicherung ausgebaut, die Gefahr der Unterversicherung vermindert worden, überdies finden auf Einladung der Versicherer seit einiger Zeit laufend Beratungen mit Vertretern der Industrie statt, die eine Verfeinerung und Erweiterung des Versicherungsschutzes durch Revision des geltenden Klauselkodex zum Ziele haben. Wenn sich die Feuerversicherer auch vor Experimenten hüten müssen, so betrachten sie es doch als ihre Aufgabe, einen Versicherungsschutz zu bieten, der allen begründeten Wünschen und Bedürfnissen Rechnung trägt. Rolf Kaiser, Stuttgart