/ Von Paul Weymar

Das theologische Fachgespräch über die Una Sancta ist im vollen Gange. In Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern verbreiten sich Vertreter der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland über die Möglichkeit der Wiederannäherung, beziehungsweise die Wiedervereinigung zu der einen, alle Gläubigen umfassenden Kirche. Aber selbst bei ihnen muß man als Laie immer wieder die Gelassenheit bestaunen, mit der sie die Schrebergärten ihrer theologischen Reservate gegeneinander abstecken. Man warnt vor kurzschlüssiger Übereilung, man übt als "christlicher Realist" viel Geduld mit sich selber und einige mit dem Gesprächspartner, obwohl man sich bewußt ist, daß die Zeichen der Zeit auf Sturm stehen, und daß, wenn die jetzt geschenkte Gnadenfrist ungenutzt verstreicht, alles Trennende im Feuerodem des göttlichen Zorns hinweggeschmolzen wird.

Mit diesem grundsätzlichen Vorbehalt darf man zwei Bücher begrüßen, die von evangelischer und katholischer Seite her die Wiederannäherung der Konfessionen betreiben, Hans Asmussens "Warum noch lutherische Kirche?" (erschienen im Evangelischen Verlagswerk, Stuttgart) und Matthias Laros’ "Schöpferischer Friede der Konfessionen" (Paulus Verlag, Recklinghausen), Asmussen, der inzwischen für den katholischen Partner der Una-Sancta-Gespräche zum protestädtischen Kronzeugen geworden ist, nimmt seinen Ausgangspunkt von der Augsburger Konfession (1530) her, jener ersten Festlegung des neuen Glaubensinhalts im protestantischen Raum, und erfüllt damit die Forderung Kierkegaards: daß das Luthertum nur als Korrektiv des Katholizismus verstanden werden könne.

Laros dagegen, von echter Katholizität im Sinne eines weltweiten Seinsverständnisses getragen, gibt ein umfassendes Bild von der gegenwärtigen Situation beider Kirchen. Und man darf sagen, daß die protestantischen Vorbehalte gegen die Kirche Roms selten mit solcher Klarheit und Vollständigkeit zum Ausdruck kamen wie in diesem Buch eines Katholiken, wie umgekehrt der Standpunkt der katholischen Kirche, bei aller nüchternen Selbstkritik, selten mit soviel Überzeugungskraft vorgetragen wurde. Auch gegen Laros’ Diagnose des gegenwärtigen Zustandes zwischen beiden Konfessionen, den er als schöpferischen Frieden bezeichnet, wird man kaum etwas einwenden können, und vorbehaltlos zustimmen muß man seiner Forderung nach Realisierung dieses Friedens, für die er eine Reihe neuer Möglichkeiten aufzeigt.

Nur an einem Punkt möchte man die Darstellung dieses ausgezeichneten Kompendiums ergänzen. Wenn Laros bei der Auseinandersetzung mit Karl Barth über den Begriff der analogia entis durchaus zutreffend die Frage stellt: "Was steht sich hier gegenüber? Die Glaubenssubstanz der Gläubigen oder die Theorien der Herren Theologen?" dann taucht als Gesprächspartner hinter dem Rücken seiner Professoren und Pastoren die stumme Gestalt des evangelischen Laien auf. Und es ist bedauerlich, daß Laros diese Figur so schnell wieder aus den Augen verliert.

Es ist nicht Raum, hier den Standpunkt dieser im Aufbruch befindlichen evangelischen Laienschaft im einzelnen zu schildern. In der Frage der Una Sancta jedenfalls darf man, über Laros hinausgehend, behaupten, daß nicht nur das Problem der analogia entis, sondern auch die sonstigen dogmatischen Streitpunkte über die Rechtfertigungslehre und das Altarssakrament im Bewußtsein dieser Laienschaft kaum noch eine Rolle spielen. Vielmehr ist man hier, meist unbewußt von Kierkegaard geformt, auf die christliche actio directa ausgerichtet, und von daher erhofft man von der katholischen Bruderkirche keine Revision ihres Dogmas, sondern eine Änderung ihrer existentiellen Haltung. Eine Haltung etwa, wie sie Papst Paschalis II. in dem von Laros am Schluß seines Buches zitierten wunderbaren Brief an Anselm von Canterbury beschreibt: "Wer einem Liegenden die Hand zum Aufstehen reicht, wird den Liegenden niemals aufrichten, wenn er sich nicht selber beugt." Es soll, auf die Gefahr hin, durch die Konkretisierung dieses Wunschbildes die Atmosphäre vorsichtiger Annäherung zu stören, offen gesagt sein, daß der einzig überzeugende sinnfällige Ausdruck der Una Sancta für eine wortmüde Christenheit das gemeinsame Abendmahl ist, das in Grenzsituationen der Vergangenheit hier und da schon Wirklichkeit wurde, und das wieder Wirklichkeit werden muß, wenn anders nicht eine solche "Grenzsituation" über uns alle kommen soll.