Es ist ein erregender Vorgang, von einer bisher nur geahnten Größe plötzlich die Umrisse zu erblicken, ihre scharf sich abzeichnende Gestalt unmittelbar vor sich auftauchen zu sehen. Eine solche Erregung bemächtigt sich des Betrachters der Ausstellung, die zum erstenmal in Deutschland Werke aus allen Schaffensperioden Ernst Ludwig Kirchners zeigt.

Das frühe Werk der Dresdener und der Berliner Zeit (1902–1916) war halbwegs bekannt in Deutschland, und auch von den ersten Jahren in Davos, wo Kirchner von 1916 bis zu seinem Tode 1938 gelebt hat, gab es bei uns eine eben hinreichende Vorstellung. Jetzt erweist sich für alle, was bisher nur für wenige Eingeweihte feststand: daß Kirchner der geistige Schöpfer und führende Kopf des deutschen Expressionismus gewesen ist. Mehr noch, er hat in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende, unabhängig von den gleichgesinnten und gleichzeitigen "Fauves" in Paris, unabhängig von den jungen Matisse, Derain, Vlaminck und anderen, das neue Gesicht der europäischen Malerei erfunden.

Seine "Brücke"-Freunde haben zeit ihres Lebens mehr oder weniger von dem gezehrt, was sie alle gemeinsam hervorgebracht haben. Kirchners Werk dagegen ist das Ergebnis einer unablässigen Verwandlung, Erweiterung, Vertiefung und Sublimierung gewesen, das Resultat einer ungeheuren inneren Erregung, die seinem überempfindlich reagierenden Geist zu immer neuen Aussagen und Formen antrieb. Über diesem Grunde einer seismographischen Sensibilität entwickelt sich das Werk bis etwa 1925 in immer neue Tiefen, wendet sich die bisher nach außen gerichtete expressive Kraft nach innen und eröffnet uns "den Zugang zu jenem geheimnisvollen Zwischenreich der modernen Kunst, wo unsere Sinneseindrücke und unsere Gefühlsregungen zu einem einheitlichen bildnerischen Gleichnis zusammengeschmolzen werden". Zunehmende Einfachheit, Ordnung und Klarheit bei allem Reichtum erzeugen eine neue Schönheit, die fähig ist, alle Gestalten und Empfindungen des heutigen Lebens zu tragen.

Mit dieser erreichten Höhe gibt sich Kirchner nicht zufrieden, Getrieben von dem schöpferischen Ehrgeiz, immer der Avantgarde der europäischen Malerei anzugehören, verläßt er die Welt der psychologischen Ausdruckskunst des deutschen Expressionismus und beginnt, getroffen von den gleichzeitigen Neufindungen Picassos, über der gegenständlichen Vision hieroglyphische, flächenhafte Buchzeichen zu errichten, deren formale Phantasie unerschöpflich reich und deren gradlinige Hinweise auf das Naturerlebnis von höchster Eindruckskraft sind. Diese spontane Modernität der bildnerischen Aussage hat keiner seiner deutschen Generationsgenossen – Klee abgenommen – je erreicht.

Um 1934 setzt eine letzte Wandlung im Werk des ewig Drängenden ein: er beginnt noch einmal Bilder zu malen, die, bereichert durch die Erfahrungen eines durchkämpften Jahrzehnts, denen der frühen Davoser Zeit nahezukommen scheinen.

Kirchners Kunst, in ihrer großen Spannweite für uns erst heute ganz erkennbar, ist nie sehr zahlreich in den deutschen Museen vertreten gewesen, aus denen sie durch die Nazis vollends verbannt worden war. So kommt es, daß diese beherrschende Gestalt keinen festen Platz im künstlerischen Bewußtsein der Nation hat. Die Ausstellung aus dem Nachlaß (zunächst im Hamburger Kunstverein) macht das fast schmerzhaft deutlich. Es ist zu hoffen, daß sie an möglichst vielen Stellen Deutschlands gezeigt werden kann. (Für Hannover und Bremen wurde sie bereits vorgesehen.)

Vor allem aber erhebt sich die Frage, was geschehen wird, wenn die Bilder und graphischen Blätter wieder in die Schweiz zurückgekehrt sein werden, woher sie aus dem umfangreichen Nachlaß zu uns gekommen sind, der als deutsches Eigentum in der Schweiz der Beschlagnahme unterliegt. Hier kann sich die Zersplitterung unserer Kulturpolitik verhängnisvoll für Deutschland auswirken, denn es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, daß eine autoritative Stelle Verhandlungen mit der eidgenössischen Regierung und den Alliierten beginnt, um dem Werk Kirchners den heute noch versperrten Weg nach Deutschland zu öffnen, wo es erwartet wird, um einen hohen Ehrenplatz einzunehmen.

Herbert Pée