Von unserem römischen Korrespondenten

F. G. Rom, im September

Daß ein verunglückter Gegner Glückwünsche erhält – das zu sehen, macht heute in Rom manches sonst ruhige Herz heiß im Kalten Krieg. Es handelt sich um den verunglückten Togliatti... Vom Berliner SED-Kongreß hatte er noch seinen politischen Gegnern mit dem Galgen gedroht. "Wir Kommunisten haben Mussolini und seine Verräterbande ausgerottet und aufgehängt", sagte er damals seinen beifallklatschenden Kominform-Genossen, "wir haben noch nicht die Kraft verloren, in gleicher Weise alle diejenigen zu behandeln, die es wagen sollten, den Frieden und die Einheit des italienischen Volks zu bedrohen." In fremdem Land und fremder, nämlich deutscher, Sprache gesprochen, klang’s nach Italien herüber als ein rüder Appell an die Gewalt, dem machiavellistische finesse mangelte. Man erschrak, denn so grobkörniger Zynismus ist auf dieser Halbinsel nicht zu Hause. Dennoch! Als der heimgekehrte Togliatti kurz darauf einen norditalienischen Prellstein rammte und in den Straßengraben geschleudert wurde, schickten ihm alle diejenigen, denen er den Galgen zugedacht hatte, Glückwunschtelegramme für gute Erholung. Vom Präsidenten Einaudi kamen sogar zwei. Das mochte wohlerzogen sein und romanischer chevaler viel Ehre machen ...

Die staatliche Ehrererweisung für Togliatti, den Marschall der Fünften Kolonne des Landes hat für Italiens Demokraten viel Anstößiges Der Mann von der Straße, der sich nicht aus politischen und diplomatischen raffinements macht, bleibt perplex oh der Rührigkeit seiner Regierung, die auf der einen Seite die Austilgung der Fünften Kolonne androht und auf der anderen Seite deren Führer mit öffentlichen Ehren überhäuft. Kurz Eiserne Besen, mit Glacéhandschuhen geführt, geben ein seltsames Bild.

Ein ungefährliches Bild desgleichen! – so meinten viele der siebenhundert von der Pariser Regierung ausgewiesenen fremdländischen Kominform-Aktivisten und ließen sich an die italienische Grenze begleiten. Italien ist ein schönes Land mit viel Sonne, Seen und Seelenfreundschaft; die kommunistische Partei des Landes gehört zu den reichsten Privatunternehmen Italiens und ist mit einer ausgiebigen Bürokratie versehen, die den Neuankömmlingen gutbezahlte Agitatorenpöstchen bieten kann. Außerdem liegt die "Parteiarbeit" in Italien nach des Kremls Willen auf der gleichen Ebene wie die in Frankreich, so daß die Agenten nicht einmal umzulernen haben.

Um immerhin den bösen Folgen zuvorzukommen, will Innenminister Scelba eine "Bürgerwehr" errichten. Besondere Kategorien von Einwohnern – Offiziere, Carabinieri und pensionierte Finanzwächter, die ihre Treue zu Staat und Gesetz rechtschaffen wahren – sollen sonntagsmorgens im ganzen Lande zur halbmilitärischen Ausbildung in die Polizeikasernen gerufen werden, damit sie im Dringlichkeitsfalle bereit seien, auf die Aufrührer zu schießen. Besser wäre es gewesen – so meinen Italiens Demokraten –, Scelba hätte den Veteranen der gallischen Fünften Kolonne die Grenzen geschlossen und seine eigenen eisernen Besen ohne Glacehandschuhe in Bewegung gesetzt...