Daß kein Literaturzweig soviel Verantwortung erfordere, wie gerade die Jugendliteratur, hat vor mehr als hundert Jahren eine gescheite Frau gesagt. Indessen sind unzählige Bücher und Hefe – pädagogisch gelungene und weniger erfreuliche – erschienen. Bei den älteren Werken hat die Zeit eine gesunde Auswahl getroffen: die Spreu geriet in Vergessenheit, der Weizen, erfreut noch heute die Kinder überall.

Neben den schon beinahe klassischen Erzählungen und Romanen für Jugendliche (Stevensons "Schatzinsel", Habbertons "Helens Kinderchen", Storms "Kleiner Häwelmann") überschwemmt alljährlich eine Flut neuersonnener Märchen und Novellen den Buchmarkt. Die Herbstproduktion der Verlage ist erst bruchstückweise im Handel, das Gros ist in den nächsten Wochen zu erwarten. Wir haben uns hier aus den schon im Spätsommer erschienenen Bänden einige ausgewählt.

Geschichten aus dem Tierleben sind vor allem bei den Kleineren immer wieder beliebt, besonders dann, wenn sie mit so quicklebendigen lustigen Illustrationen versehen sind, wie sie Leo Faller, die kindliche Fantasie geschickt anregend, für Richard Couves Froschgeschichte "Croax" zeichnete. (Alfred Hahn Verlag Hamburg.) Die ganze quirlige, heimliche Welt in und über dem Teich ist hier in kuriosen menschlichen Vergleichen lebendig geworden. Es wird kein Kinderherz geben, das beim Hören oder Lesen der skurrilen Abenteuer des behäbigen Froschpapas Croix und seiner vierhundertfünfundsechzig Kinder nicht lebhafter schlägt.

Märchenhafte Geschichten aus der großen Stadt erzählt Hill Lindow-Willnow in ihrem modernen Märchenbuch Autobus 8709 (Ähren-Verlag, Heidelberg). Hier sind in bunter Folge kleine Dinge, die uns überall begegnen, alltägliche und aufragende Ereignisse, zu netten Erzählungen geworden von Ninetta, der Zündkerze, vom törichten Kastanienbäumchen, von Mulukka, der Wasserratte an der Museumsbrücke, oder gar von den Heldentaten des Autobus & 709, nach dem das ansprechende Buch benannt ist.

Für die etwas Größeren, die gern voluminösere Bücher lesen, verlegte die Fredebeul & Koenen K.G, Essen, ein phantasievolles Märchenbuch Waldbruders Reise durch den Weltenraum von Augistin Wibbelt. (Die köstlichen Illustrationen dazu stammen von Margarete Menze.) Diesen Waldbruder – viele werden ihn schon als Erzähler von Geschichten kennen, die ihm im Walde eingefallen sind – schickt der Autor dieses Mal auf eine-Reise durch den Weltenraum. Mit dem Mann im Mond schließt er Freundschaft, vor den unfreundlichen Marsbewohnern flieht er, auf dem Abendstern ruht er sich aus, im Kinderparadies möchte er gern eine Paradiesschule einrichten, in der Milchstraße darf er baden, und durch das Schlüsselloch des Himmelstors schaut er in den Himmel, nur hinein darf er nicht. Dafür vergnügt er sich königlich im himmlischen Wächterhäuschen, ehe er zur Erde zurückfliegt.

Für Jungen und Mädel, die das Abenteuer lieben und die Geheimnisse fremder Länder und Völker erforschen wollen, bringt der Olympia Verlag, Nürnberg, ein neues Buch des Lyrikers und Erzählers Peter Supf: "Der fliegende Sancho". Was erleben die beiden ungleichen Gefährten, die sich im Central Park von New York zufällig treffen, der deutsche Flieger Robert Fehling und der amerikanische Forscher Abner Irving Fitzsimmons, nicht alles auf ihrem Flug über und durch die grüne Urwaldhölle des Amazonas und auf der Suche nach den weißen Insulanern! Hier ist einmal ein Abenteuer-Schicksal erfreulich unsentimental und unverfälscht geschildert, ohne jegliche Karl-May-Romantik, angefüllt mit bunter, praller, harter, faszinierender Wirklichkeit.

Weniger beglückend ist die Bekanntschaft mit zwei Sammelbänden, die in den letzten Monaten auf dem Buchmarkt erschienen sind: "Das neue Jugendbuch", herausgegeben von Heinz Ohlendorf (Volksbücherei Verlag, Goslar), möchte "lebendige Weltanschauung vermitteln, Helfer sein auf, dem Weg in das Leben". Nimmt man das Buch zur Hand, so muß man sich mit Hilfe des Copyright-Vermerks vergewissern, daß das Erscheinungsjahr tatsächlich 1950 ist. Beim Lesen hatte man nämlich den Eindruck gewonnen, es könne so und nicht anders schon vor zwanzig und mehr Jahren auch zusammengestellt worden sein. Die Auswahl, mit wieviel Liebe und Bedacht sie auch vorbereitet sein mag, mutet altfränkisch und vorgestrig an und trägt den Titel "neues Jugendbuch" zu unrecht. Bei dem Anspruch dieses Titels darf erwartet werden, daß den jäh veränderten Lebensumständen, die ja für die Kinderwelt ebenso einschneidend sind wie für die der Erwachsenen, Rechnung getragen wird.