Von Carl Georg Heise

Schloß Cappenberg ist für uns Museumsleute ein kleines Wunder. In den Großstädten klagen wir, namentlich in den Sommermonaten, über oft allzu geringen Besuch unserer Sammlungen. Hier draußen, dreiviertel Stunden von der Bahn entfernt und von einer größeren Stadt nur als Tagesausflug zu erreichen, finden die in idyllisch-weltferne Lage geretteten Dortmunder Museumsschätze ein überraschendes Interesse, und wenn, wie in diesem Sommer und Herbst, gar eine Ausstellung von Rang im Schlosse stattfindet, so gibt es in einem einzigen Monat einen Zustrom von zehntausend Kunstfreunden. Freilich, es sind auch andere Anziehungspunkte zu verzeichnen: ein weiter Ausblick in die Lande, herrliche Waldspaziergänge, eine Stiftskirche mit Sehenswürdigkeiten erster Ordnung wie die romanische Goldschmiedearbeit der Bildnisbüste Friedrich Barbarossas, ein Geschenk seines Taufpaten, des Grafen Otto von Cappenberg, an die Mönche des Klosters, gemalte Altäre, Steingräber, eines der köstlichsten geschnitzten gotischen Chorgestühle. Um auch das Materielle nicht zu vergessen: zwei gut geführte Kaffeehäuser mit Unterkunft auch für größere Reisegesellschaften, eine gemütliche Weinprobierstube, die der Schloßbesitzer für seine trefflichen Rheingau weine unweit der Kirche eingerichtet hat. Man sollte daraus die Lehre ziehen, daß die neutralen Oberlichtsäle unserer Museen alten Stils mit ihrer oft ein wenig ernüchternd wirkenden, unübersehbaren Abfolge von Kunstschätzen nicht mehr die gleiche Anziehungskraft auszuüben verstehen wie Darbietungen, die Kunst und Leben in idealer Weise verbinden, die weniges aber Erlesenes zur Schau stellen und durch ihre bevorzugte Lage zu einem ganzen Ferientag mit Muße für Natur- und Kunstgenuß einladen. Das Cappenberger Unternehmen hat etwas schlechthin Vorbildliches.

Gegenwärtig findet im Schloß des Freiherrn vom Stein, an den die Erinnerungen in einem sehenswerten Archiv vereinigt sind, eine Ausstellung des westfälischen Meisters Conrad von Soest statt, eines der bedeutendsten Maler des späten Mittelalters. Seit einigen Jahrzehnten hat sein Name einen guten Klang in der deutschen Kunstgeschichte, er rangiert in bezug auf künstlerische Qualität unmittelbar nach den Hamburger Meistern Bertram und Francke, wahrscheinlich ist er ein Altersgenosse des letzteren. Niemals vorher aber hat man seine Hauptwerke beisammen gesehen, vereint auch mit wichtigen Altären aus seiner sehr fruchtbaren Werkstatt und Nachfolge. Auch dadurch wächst sein Ruhm, daß durch gründliche und meist taktvolle Restaurierung die Gemälde jetzt neuen Glanz gewinnen. Das gilt besonders für den bisher mehr berühmten, als wirklich bekannten Altar von Nieder-Wildungen, dem eigentlichen Kernstück der Ausstellung. Er ist vermutlich – die alte Inschrift ist nur zum Teil erhalten – im Jahre 1404 entstanden. Seine Malerei – es ist ein Altar ohne Schnitzfiguren – verbindet auf höchst anziehende Weise eine derbrealistische Erzählerfreude mit großem Raffinement in der künstlerischen Darstellungsweise, offensichtlich unter dem Einfluß der burgundischen Hofkunst, namentlich der Buchmalerei der Zeit.

Das zweite Hauptwerk Meister Conrads (der übrigens ein Dortmunder Bürger war, wenn auch seine Familie ursprünglich aus Soest stammen wird) ist der Altar für die Marienkirche seiner Heimatstadt, genauer gesagt: drei nur als Bruchstücke erhaltene Tafeln dieses ursprünglich wesentlich umfangreicheren Altarwerkes. Es ist noch nicht allzulange her, daß diese kostbaren Reste, eingebaut in ein monströses Rahmenwerk, in ihrer Bedeutung erkannt und Conrad zugeschrieben worden sind. Als sie kürzlich in Paris bei der Ausstellung altdeutscher Malerei gezeigt werden konnten, haben sie die Aufmerksamkeit der Besucher aus aller Welt auf sich gelenkt. In Frankreich gibt es nichts dergleichen, und nach ihrer (immer noch nicht vollständigen) Wiederherstellung nehmen sie auch in der deutschen Kunst der Zeit eine Stellung ein, die nur der von Deister Franckes Englandfahreraltar vergleichbar ist. Ja, in der subtilen Farbigkeit, der Feingliedrigkeit der Figuren und der Zartheit der Empfindung kommen sie dem großen norddeutschen Rivalen erstaunlich nahe. Der Marientod mit der umsorgenden und anbetenden Engelsglorie ist eine der zauberhaftesten Erfindungen spätgotischer Phantasie, noch ganz dem heiligen Vorgange dienend und doch von einer Freiheit der Darstellung im einzelnen, die individuelle Meisterschaft bezeugt.

Doch auch die Vorstufen – kein Meister ist vom Himmel gefallen – sind in Cappenberg vorrefflich zu studieren. Man hat das Werk eines Malers zusammengestellt, den man nach seiner bedeutendsten Arbeit den Meister des Berswordt-\ltars genannt hat und dem unter anderem auch der große Altar aus Bielefeld zuzuschreiben ist; rückläufige Beziehungen zur Kunst des vierzehnten Jahrhunderts mischen sich mit Zügen, die schon auf Conrads Malerei hinweisen: eine milchig-weiche Farbigkeit, unartikulierte Körperormen, ein starker symbolhafter Charakter der Szenen, der höfische Formenzaüber (namentlich am Kostüm) erst hin und wieder und mehr als dekoratives Beiwerk auftauchend. Es sind Beispiele dieses Stils auch aus dem englischen Kunsthandel herangeholt, und der Katalog verzeichnet sogar die wichtigsten, für die Cappenberger Austeilung nicht erreichbaren Stücke. Schade, daß man sein Augenmerk nicht über die westfälischen Landesgrenzen hinausgerichtet hat: die Malereien der berühmten "Goldenen Tafel" aus Lüneburg heute im Landesmuseum in Hannover) sind eine deutliche Parallele zu diesem Frühstil und stehen wahrscheinlich in engerer Beziehung zur westfälischen Kunst, als man das bisher angenommen hat. Auch die Beziehungen zur Kölner Malerei sind aufschlußreich und können in der Ausstellung ausgiebig studiert werden. Die Kunst jener Zeit hatte einen keineswegs landestümlich begrenzten, a vielfach gar internationalen Charakter.

Mit diesen Andeutungen ist die Fülle der kunsthistorischen Probleme keineswegs ausgeschöpft. Nur drei mittelgroße Räume und ein längerer Korridor – trotzdem fühlt man sich in einer reichen Kunstwelt kultiviertester Schönheit; manch selten gesehenes Werk wird ins helle Licht gerückt, erlesene Beispiele gleichzeitiger Plastik treten ergänzend hinzu. Nicht nur der Fachmann kommt auf seine Rechnung, man kann mit Befriedigung feststellen, wie junge Menschen verschiedenster Art hier zum erstenmal vom Reichtum und vom Glanz mittelalterlicher Kunst berührt werden. Einen tiefen Frieden strömen diese Werke aus; man hat Zeit, sie zu studieren, sich zu erholen und erneut zu den Wunderwerken der Kunst zurückzukehren. Nicht nur um der Bedeutsamkeit der einzelnen Arbeiten, sondern um der Vorbildlichkeit der Darbietung willen verdient die Ausstellung nachdrückliche Beachtung. Sie ist eingerichtet worden vom Dortmunder Museumsdirektor Dr. Rolf Fritz, dem wissenschaftlichen Schloßherrn von Cappenberg, der sich damit den Dank aller Kunstfreunde verdient hat.