Leben im Vakuum

Wenn Madame Bovary zu ihrem Geliebten in die Stadt fährt, verbrämt sie das Geheimnis mit der Absicht, einzukaufen. Evelyn Jarrold erklärt, den Freund ihres Sohnes zu besuchen, wenn sie die Neujahrstage in der Burg des Unterhausabgeordneten Miles Vane-Merrick verbringt. Bei Flaubert ist es die ungesetzliche Liebe im Kleinbürgertum, bei Victoria Sackville-West die in der englischen Geldaristokratie. Beide Frauen gehen zugrunde daran. Das ist nicht das einzige, was sie gemeinsam haben. Gleich Flaubert hat die englische Schriftstellerin (ihre Bücher "Erloschenes Feuer" und "Adler und Taube" wurden bereits ins Deutsche übertragen) die Gefühle entblößt, die im Vakuum eines unerfüllten Lebens aufsteigen. Evelyn liebt aus tiefstem Herzen. Für Eine Frau von vierzig Jahren (Christian Wegner Verlag, Hamburg, 309 S., Preis DM 9,80) ein schwieriges Beginnen, da der Betroffene ein fünfzehn Jahre jüngerer Sozialist ist, sie aber die Mutter eines jüngst geadelten reichen Erben. Das bedeutet Entrüstung der hellhörig gewordenen Verwandtschaft, Gewissenskonflikte der konservativ erzogenen Heldin und – das Entscheidende – Eifersucht und Enttäuschung auf Seiten der Frau. Denn in diesem Fall ist die ältere Geliebte nicht der Promotor des jungen Mannes, sondern umgekehrt. Obwohl das Buch ganz von familiärer Atmosphäre lebt (und wie dicht ist sie gesponnen!), deckt es doch die Klüfte auf, die wohl in keinem Land so perforierend zwischenden Schichtungen der Gesellschaft sich breiten wie in England. Also ist es ein Gesellschaftsroman und sogar ein typisch englischer. Aber er wandelt nicht nur auf den Spuren Galsworthys. Sein Dekor ist blutvoller, wärmer und sehr fraulich. schl.

Kortüms jüngerer Bruder

Was von einem jungen Mann zu halten ist, der in sämtlichen Bibliotheken Berlins feststellen will, ob die Bücher abgestaubt werden, wenn nein, ob der Staub ihnen schadet, wenn ja, ein epochemachendes Mittel gegen den Bücherstaub zu erfinden gedenkt – was von diesem Peter Grünk zu halten ist, klaubt bedächtig Heinrich Zillich in seinem neuen im Westermann Verlag, Braunschweig, (560 S., Preis 14,80 DM) erschienenen Roman Grünk oder das große Lachen auseinander. Wer sich an die Turbulenz der Inflationsjahre nach dem ersten Weltkrieg erinnert, an die Schieber und Blllionen-Markblüten und die armen Schlucker im damaligen Berlin (das erst nach dem nächsten Krieg wirklich zu einem Hexenkessel wurde), der mag staunen, daß so ein Zeitabschnitt auch durch skurrilen Humor und die Behäbigkeit im Stile Wilhelm Raabes wieder erweckt werden kann. Dieser Peter (ehemaliger österreichischer Offizier) im abgesetzten Bratenrock wandert da, wie weiland Till Eulenspiegel, durch die Strudel der angeknoteten Weltstadt, ein moderner Schalk und zugleich ein uralter Weiser; vielleicht auch ein jüngerer Bruder des Herrn Kortüm, der, anstatt in den Bergen des Thüringer Waldes, in den Straßenschlünden Berlins verfangen ist. Zillich hätte nicht zu verraten brauchen, daß sein unfreiwilliger Schelm autobiographische Züge trägt. Man spürt es ohne den Hinweis am Duktus der Sätze und der schützenden Hand, die über dem Schwierigkeiten hinweglachenden und immer wieder stramm lüftenden – auf daß der "Mief" entweiche – Ex (und doch wieder nicht es) – Studenten waltet. schl.

Morgenländische Mühsal

Das Reich der Kalifen umfaßte Mesopotamien und Persien und dehnte sich von Bagdad bis beinahe nach Indien aus. In der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts führte Haidar ibn Ka’us, der Generalissimus Motassims, eines Enkels des berühmteren Harun al Raschid, einen langwierigen Krieg gegen fanatische Sektierer persischen Glaubens, barbarische Grenzerstämme, die die Macht der arabisch-islamischen Regierung in Bagdad peinlich bedrohten. Haidar, der Marschall, ein Grande von erlesener Bildung mit dem Beinamen "Afschin", ist der Held von Julius Overhoffs Biographie. (Der Verrat des Afschin, Roman, C. F. Müller, Karlsruhe.) Er besiegte die Rebellen durch eine überraschende Taktik und besaß glänzende menschliche Talente. Vielleicht deswegen machte ihm der Kalif – ob mit Grund oder nur aus Eifersucht, steht dahin – kurz nach dem Sieg einen rätselhaften Prozeß. Haidar wurde 841 wegen Hochverrats hingerichtet.

Zweifellos war der General aus dem neunten Jahrhundert ein faszinierender Mann, und sein Prozeß zeigt gewisse beklemmende Parallelen zu Schauprozessen der neuesten Zeit. Ganz gewiß besitzt der kluge Verfasser der "Europäischen Inschriften" eine gelehrte Kenntnis aller vielfach verzwickten geistigen, politischen und religiösen Strömungen morgenländischer Kultur. Aber er spickt seine Sätze mit Ausrufen wie "ei" und "oh" und "fürwahr" und legt es geradezu darauf an, jegliche Tatsache durch eine akademischpoetisierende Schreibweise zu verschleiern. Etwa so: "O Achmed, weiser Hausvater, fiel es dir nie bei, wie blank die Klinge bleibt im Gefecht, wie sie rostet und stumpft im trägen Gehäus? Vielleicht bleibt, was sich unterscheidet, Unterschied nur, solang es sich mißt – und messen ist Kampf! Vielleicht wird die Welt, wie du sie liebst, dir bereitet durch Taten, wie du sie hassest? Lacht darob unsere Trauer, weint unsere Freude?" So geht es an zweihundertfünfzig Seiten in der blumigen Ausdrucksweise des Orients, aber ganz unsinnlich dahin, und am Ende begreift man die Lebensgeschichte des Afschin nur an Hand der Tabellen, die etwas mühselig zu studieren, dem Buch aber beigegeben sind.