Premiere einer Novelle im Rampenlicht

Düsseldorf im September

Das Düsseldorfer Schauspiel beweist zunehmende Aufgeschlossenheit für die Thematik der Gegenwart, Dabei nimmt man den Mangel an dramatisch zwingenden Gestaltungen in Kauf und spielt getrost dialogisierten Roman (Kafkas "Prozeß") oder eine "Tragödie" – Gottes Utopia – die eine Novelle von Stefan Andres ist. Die dramaturgischen Hilfsmittel dazu bilden Geräuschkulisse, Requisiten und Erscheinungen. Auch die Szenenbilder der fünf mühsam geteilten Akte (von Herta Böhm überlegen und suggestiv entworfen) spielen mit. Der Gewinn eines solchen Stücks ist die Gegenüberstellung des Zuschauers mit drängenden Fragen der Zeit.

Im spanischen Bürgerkrieg kommt der ehemalige Karmeliterpater Consalves als gefangener Matrose Paco wieder in das Kloster und in die Zelle, wo er als Mönch vergeblich mit dem Problem der menschlichen Freiheit fertig zu werden versuchte. Einst hatte er sich eine utopische Insel der Seligen an die Decke über seiner Pritsche gemalt, Traumbild einer Zukunft, in der sich das Evangelium vielleicht einmal erfüllen würde. Aus diesen Illusionen war er durch einen realistischen Mitbruder vertrieben worden. Wir, die Menschen, wie sie sind, das ist Gottes Utopia. Mit ihnen muß man fertig werden, die Freiheit der eigenen Entscheidung im Angesicht Gottes nützen. In der Welt, auf dem Meere, als Soldat, wohin Paco nach dieser Erkenntnis floh, fand er die Lösung des Freiheitsproblems nicht. Durch einen Zufall gerät er also an seinen Ausgangsort zurück. Der Kommandant des klösterlichen Gefangenenlagers, Leutnant Pedro, erkennt den Priester und nötigt ihn, die Beichte des Mönch- und Nonnenmörders zu hören. Er ist ein Typus unserer Zeit: tüchtiger Gehirnmensch, Spezialist, Jurist mit Anlage zur Grausamkeit, als Soldat Befehlsempfänger und automatenhaftes Vollzugsorgan einer Macht, die ihre Befehle selbst verantworten mag. Die göttliche Kreatur in ihm aber hat Angst. Sie will beichten und sich freikaufen. Zu Reue und Wandlung reicht es nicht. Denn als nach der Absolution der Befehl zur Liquidierung von zweieinhalbhundert Gefangenen eintrifft, vollzieht ihn Pedro prompt. Eine individuelle Entwicklung macht nur Paco durch. Er verzichtet auf die Listen des Soldaten, der seine Mitgefangenen sehr wohl befreien könnte. Wissend um ihr und sein Schicksal, erteilt er den Ahnungslosen die Generalabsolution, bevor sie im Refektorium von einer Maschinengewehrsalve umgelegt werden. Er hat damit für sich persönlich den letzten Schein im Scheckbuch der Freiheit auf eine geistliche Liebestat für andere ausgestellt. Triumphieren wird aber die Macht, die ihre Automaten hat. Man übertrage das auf die politische Situation der Gegenwart, und man wird erkennet welchen individualistischen Streich dem klösterlich erzogenen Andres die Bereitschaft zur Ergebung in "Gottes Gnade" hier gespielt hat.

Die Uraufführung trug das Stück über seine szenischen und dramaturgischen Eselsbrücken souverän hinweg zu einer von Ulrich Erfurth vollkommen ausbalancierten, dicht gefallen Vorstellung. Rudolf Therkatz (Pedro) um Karl Worzel (Paco) bezwangen durch ihre Intensität. Der magische Realismus zweier Erscheinungen und zwei Landsertypen, die wie atmosphärische Miniaturen eingefügt waren, rundeten tue Uraufführung, deren vom Theater verdienter Beifall zunächst allerdings vom Überrealismus einer abschließenden Maschinengewehrsalve hingemordet wurde.

Johannes Jacobi