Von Paul Fechter

Seit einiger Zeit hat die Philosophie das Glück, sich wieder einer guten Presse zu erfreuen. Wenn wir noch Höfe hätten, würde man sagen, sie sei wieder hoffähig geworden, nachdem sie vor noch gar nicht langer Zeit in den Abgründen einer Mißachtung herumschwamm, die der der Nach-Hegel-Zeit wenig nachgab. Sie ist sogar unter dem Decknamen Existentialismus geradezu aktuell geworden, besser noch mondän – weshalb man denn auch nach gutem alten Brauch einen Franzosen als philosophischen Protagonisten herangezogen hat. Da Sartre außer philosophischen Werken auch Drehbücher schreibt, hat der Fall wieder sozusagen menschliche Züge bekommen.

Man treibt jedenfalls von neuem Philosophie; es gibt Diskussionsabende um ihre Probleme: sogar die Jugendklubs nehmen sich ihrer an. Überall wird über sie geredet; Vorträge von Nicolai Hartmann und Alfred Weber haben Zulauf wie früher die Bockbierfeste in der Hasenheide, und mit Begriffen wie Ontologie und Metaphysik, Nihilismus und Lebensphilosophie spielen Abiturienten Fußball, wie draußen auf dem Asphalt der fünf- und sechsjährige Totonachwuchs mit seinen jeweiligen Übungsbällen.

Über die Ursachen dieses Wandels braucht man nicht viel nachzudenken. Wenn die Sachen im Raum sich gar zu hart stoßen, beginnen die Gedanken, oder was man so dafür hält, seit je im Kurs zu steigen; und wenn es einem in der Realität nicht eben rosig geht, sind die Illusionen, die das Zerreden dieser lästigen Realitäten mit sich bringt, immerhin in der ersten Reihe der zeitgemäßen Ersatzstoffe zu buchen. Je schlechter die Zeiten waren, desto höher stand immer der Idealismus zu Buche – dem sich heute als zweites hunger- und durststillendes Mittel der Humanismus gesellt hat, womit dann der majestätische Freitreppenaufstieg in die heiligen Hallen der Philosophie würdig garantiert ist.

Versuchen wir aber einmal den Ernst aufzubringen, den die Beschäftigung mit der Substanz Spinozas und den Entelechien des Aristoteles, den Monaden des Herrn von Leibniz und den Henaden des alten Brummkreisels Bahnsen verlangen kann. Stellen wir einmal sachlich und ohne doppelten Boden die Frage: warum die Philosophie in diesen Jahren unseres Mißvergnügens so viel aufgeholt, so viel verlorenes Terrain wiedergewonnen hat. Was frommt’s, dergleichen viel gelesen zu haben? heißt es, wenn auch ein wenig anders bei Hofmannsthal; warum ist diese Skepsis heute gegenstandslos und der Rückweg zu Kategorien und Attributen, Ideen und Intuitionen wieder frei geworden?

Wie war es um 1900? Da saßen wir noch mitten im saeculum historicum, das inzwischen eines seligen oder unseligen Todes gestorben ist, und der Zugang zur Philosophie ging im wesentlichen über ihre Geschichte. Gewiß, wir lasen Paulsens Einleitung in die Philosophie bis zu unwahrscheinlichen Auflagen hinauf; wir lasen in bescheidenerem Ausmaß ähnliche Introduktionen von anderen Autoren: Hauptsache aber blieben die Kollegs über Geschichte der Philosophie. Wir hörten Diltheys große Vorlesung und studierten seine Grundrisse; wir lasen den Kleinen Zellen und dei. Kleinen Reclam-Schwegler; denn sogar der Mann der Moderne, Georg Simmel, las ein großes ^historisches Kolleg über allgemeine Philosophiegeschichte. Die Nachblüte des historischen Zeitalters war noch voller Glorie, und Philosophie hieß zunächst einmal Kenntnis der großen Systeme von der Ideenlehre bis zum Kritizismus, von Skeptizismus bis zur Phänomenologie. Die Philosophie löste sich in ihrer Geschichte auf, die zuerst Geschichte der Philosophie und ihrer Weltbilder, dann erst Problemgeschichte war.