Fest entschlossen, offene Worte über den Eisernen Vorhang hinweg zu wechseln, sozusagen eine Luftbrücke neuer Art aus Zeilen, aus lauter bleigegossenen Zeilen, zu konstruieren, hätte sich der Mann, der als demokratischer Wortführer aufzutreten wünschte, vielleicht des Näheren erkundigen sollen, wer der Herr am anderen Ende sei. Hier Hamburg, dort Ost-Berlin. Hier Winbauer, der Chefredakteur der "Freien Presse", dort Herrnstadt, der Hauptschriftleiter des sedistischen "Neuen Deutschland", der sich, alter Gewohnheit gemäß, hinter einem Kollektiv, hinter einer Redaktionsgemeinschaft, versteckte. Schießt der Hamburger eine wohlgezielte Ladung vernünftiger Argumente in seiner bürgerlichen Zeitung ab, so fängt der Ost-Berliner hinter dem Vorhang sie in seinem sowjetischen Blatt nicht ungeschickt auf, indem er das Schild seiner "gesamtdeutschen" Weltanschauung vorhält, und antwortet mit der entsprechenden Dynamitmenge national getarnter sowjetischer Phrasen. Die Schießregeln verlangen, daß jeder der beiden .Schützen den Text des anderen zugleich mit der eigenen Erwiderung veröffentlichen soll. Den Lesern bleibt es überlassen, die Schießresultate selbst zu prüfen. "Hoch rechts abgekommen" oder "Tief links" oder "Treffer" oder "Ratze". Das Ganze geht aus wie das Horneberger Schießen. Oder bleiben wir beim Bild der Luftbrücke –: sie stürzt ein, eh’ sie vollendet ist. Winbauers Worte sind in den Wind geschrieben. Wer einen Gegner treffen will, muß zuvörderst wissen, wo er steht und hinter welchem Gestrüpp er sich verbirgt...

"Herrnstadt" – so hätte Winbauer das offene Gespräch beginnen sollen –, "wo stehen Sie? Herrnstadt, wo sind die Leute, die sich bisher mit Ihnen eingelassen? Herrnstadt, wo ist Ilse Stöbe? Wo ist Anders Könen?" So hätte Winbauer fragen sollen. Das wäre interessanter gewesen als jede nutzlose Debatte, die doch bloß den Kommunisten Gelegenheit gibt, in einer westdeutschen Zeitung ihre Lügen vorzubringen. Ilse Stöbe ist tot. Ihr Tod ging auf Herrnstadts Konto. Sie war seine Geliebte gewesen, ehe er Anno 1933 nach Warschau ging, wo er einen deutschen Diplomaten veranlaßte, den Sowjets Dienste zu leisten. Auch er starb an Herrnstadts Bekanntschaft. Anno 1942 sprang aus einem sowjetischen Flugzeug an einem Fallschirm der Spion Anders Könen ab, der Hilde Stöbe den Befehl Herrnstadts überbrachte, für die Sowjets zu spionieren und jenen Diplomaten aufs neue zu ködern. Die Abwehr fing alle drei. Hitler unterschrieb das Todesurteil und hatte drei Gegner weniger. Derweil saß Herrnstadt aber, der alles inszeniert hatte, fern in Moskau, weit vom Schuß ...

Heute geht es um das Leben nicht nur von drei Menschen, sondern um das Leben von 18 Millionen Deutschen in der Ostzone und um 45 Millionen im Bundesgebiet. "Herrnstadt" – so hätte Winbauer fragen sollen –, "wieviel davon wollen. Sie in Zukunft opfern?" Da würde man wohl gespannt sein dürfen, welch ein offenes Wort Herrnstadt auf die offene Frage zu antworten hätte... G. Tr.