Zum ersten Male seit Kriegsende hat der jugoslawische Staatschef Tito die Einladung des amerikanischen Botschafters zum Fest des US-Unabhängigkeitstages nach dem Sommersitz Bled angenommen. Auf Bildern von diesem Ereignis sah man an der Festtafel neben dem lächelnden Staatschef auf der einen Seite die Dame des Hauses, Mrs. Allen, auf der anderen sekundierte ihm die Gattin des jugoslawischen Außenministers Kardelj. Wie aber leben die Damen kommunistischer Minister privat? Diese Frage hat kürzlich in der Belgrader literarischen Revue "Knijezevne Novine" der Schriftsteller Branko Tschopitsch beantwortet. Sein Artikel trug die Überschrift "Heretische Erzählung" und erregte weithin das größte Aufsehen. Denn Tschopitsch schildert in seiner Kurzgeschichte rücksichtslos den Lebenstag einiger Bonzenfrauen in einem Adriabad. In einer beschlagnahmten Luxusvilla, die "in der Zeit des alten, morschen, nichtnationalen (und so weiter) Jugoslawiens erbaut wurde", heute aber wie alle anderen Luxusvillen von den kommunistischen Funktionären und ihren Familien bevölkert wird, rekeln sich auf den Liegestühlen – durch eine hohe Mauer vom Volk getrennt – drei snobistische Damen, die Frau des Ministers Stefan Jowanowitsch, die Schwägerin des Ministers, eine Studentin, die sich dadurch auszeichnet, daß sie im großen Dienstauto zur Universität fährt, "weswegen die Leute unglaublich neidisch sind", und dann die Frau des Staatssekretärs, der auch dabei ist, aber etwas entfernter auf seinem Liegestuhl gerade im Einschlafen ist. Die Frauen langweilen sich, nachdem sie gerade eine nahegelegene Stadt per Auto mit ihrem Besuch beehrt haben. Eine der Damen macht Witze über einen General, der zwar auch in der Villa wohnt, aber ein bißchen an den Strand unter das Volk gegangen ist. Der Staatssekretär, im Einschlafen, träumt, daß seine Frau gestorben ist, so daß er die Schwägerin des Ministers heiraten, ja, selbst Minister und schließlich Regierungschef werden wird.

Dieser massive Angriff gegen die kommunistischen Bonzen, obwohl wahrscheinlich mit dem Propagandachef Djilas abgesprochen, um der Bevölkerung etwas Meinungsfreiheit vorzumachen, vielleicht auch um die Bonzen selbst zu warnen, ist nicht lange ohne Erwiderung geblieben. In der folgenden Ausgabe derselben Zeitschrift erschien in großer Aufmachung eine Kritik der "Heretischen Erzählung" von einem anderen, linientreuen Autor, Skender Kulenowitsch. Das deutet darauf hin, daß sich der Protektor von Tschopitsch, und wäre es auch Herr Djilas gewesen, nicht ganz durchgesetzt hat. Ist die Sache vielleicht Tito selbst über die Hutschnur gegangen? Kulenowitsch jedenfalls stellt aufgeregt die Frage: "Villen, Autos, Spezialgeschäfte (für Funktionäre)? Für mich jedenfalls ist das eine Frage der Oberflächlichkeit oder der Demagogie. Im Sozialismus sind unglücklicherweise gewisse Unterschiede noch unvermeidlich, aber sie beruhen nicht mehr auf dem Kapital, sondern auf der Arbeit. Keiner unserer Minister und kein vollgemästetes Raubtier (darunter sind offenbar die Ministerdamen zu verstehen) braucht wegen dieser Unterschiede zu erröten oder sie zu verbergen. Gerade darum kämpfen wir ja mit aller Kraft, sie zum Verschwinden zu bringen, auf die einzig mögliche Weise, auf die Weise Lenins..." Man kann daraus entnehmen, daß die kommunistischen Bonzen hauptsächlich deshalb in Luxusvillen leben und ihre Schwägerinnen in den staatlichen Limousinen herumfahren, um die sozialen Unterschiede zu beseitigen – eine Methode, die sich als sehr langwierig erweisen dürfte. H. A.