Al Johnson, der Sänger des unsterblichen Sonny Boy war es, der sich am 18. September bei Generalleutnant Walker im Hauptquartier der achten US-Armee melden ließ. "Seit dem Kriegsausbruch", sagte der Zweiundsechzigjährige, der schon im Zweiten Weltkrieg vor Tausenden GIs auf allen Kriegsschauplätzen aufgetreten war, noch ein wenig außer Atem, "seit dem Kriegsausbruch habe ich versucht, nach Korea zu kommen. Jetzt hab’ ich’s geschafft. Hier bin ich. Ich hoffe, Herr General, daß Sie eine meiner Vorstellungen besuchen werden." "Das hoffe ich auch", meinte Walker, "aber Ihnen dürfte bekannt sein, daß ich zur Zeit meine eigenen Vorstellungen gebe." Und in der Tat: Die Vorstellung, in der der Befehlshaber der Bodentruppe in Korea eine Starrolle übernahm, hatte gerade begonnen: Die "Operation Nußknacker", die seit langem angekündigte Gegenoffensive der Streitkräfte der Vereinten Nationen.

Im Koreakrieg ist damit eine entscheidende Wendung eingetreten. An zwei Punkten an der Westküste – bei Inchon und an der Mündung des Kum-Flusses –, ferner bei Yongdok an der Ostküste landeten amerikanische Streitkräfte. Fast gleichzeitig traten die Truppen aus dem Brückenkopf Fusan heraus bei Taegu zum Angriff über den Nakton an. So sind die vier Eckpfeiler eines riesigen Kessels von über 300 Kilometer Durchmesser gebildet worden, in dem sich mehr als 90 v. H. der kommunistischen nordkoreanischen Streitkräfte befinden.

Der Schwerpunkt der amphibischen Operationen lag bei Inchon. Hier haben amerikanische Infanterie- und Panzer-Divisionen die zweite Front des Korea-Krieges geschaffen. Mit diesem Manöver eines Sprunges über 180 Meilen hinter die feindliche Linie führte General MacArthur die bereits während des Pazifik-Krieges und in Europa angewendete Taktik erfolgreich weiter Und folgt zugleich dem Beispiel der japanischen Marine, die bei der Besetzung Koreas 1894 ebenfalls fast gleichzeitig beim nördlichen Inchon und südlichen Fusan landete. Die amphibischen Manöver standen hier unter direktem Befehl MacArthurs. Im Schutze einer Feuerglocke, die über 260 Kriegsschiffe von sieben Nationen aus allen Rohren schießend über das Land legten, liefen in den frühen Morgenstunden des 15. September die ersten Boote der "Ledernacken", wie die Amerikaner ihre Marine-Infanterie nennen, auf den Strand. Augenzeugen berichten, daß erst fünfzehn Sekunden, bevor der erste Amerikaner an Land sprang, die Kanonen ihr Feuer vom Ufer fort weiter landeinwärts verlegten. Die Küste glich einem Vulkan. Flammengarben zischten zum Himmel empor, aufsteigende schwarze Rauchsäulen vermischten sich mit den tief herabhängenden Werken. "Pausenlos hämmerten die schweren Schiffsgeschütze – meldete der Korrespondent von United Press – und anschließend die Raketenwaffen auf die nordkoreanischen Geschützstellungen ein, und es ist nicht übertrieben, wenn gesagt wird, daß die Küstenbatterien buchstäblich pulverisiert waren." 32 Minuten nach der Landung wurde an Land das erste Sternenbanner gehißt. Mit einem Lächeln sah MacArthur, der sein Flaggschiff verlassen hatte, von einer ungepanzerten Barkasse den Landemanövern zu. "Die Flotte und das Marinekorps", ließ er an alle Stellen signalisieren, "waren nie zuvor so großartig wie an diesem Morgen." Mit der Präzision eines Uhrwerks liefen die Operationen ab. 50 000 Mann taten in jeder Sekunde, was die Pläne ihres Befehlshabers vorsahen. Die Kämpfe waren hart; die Zahlen der nordkoreanischen Verwundeten und Toten hielten sich die Waage. Fallschirmjäger und Luftlandetruppen besetzten unterdessen im Handstreich den größten Flugplatz Koreas, Kimbo, im Norden Inchons.

Die beiden kleinen Landungsmanöver bei Kunsan am Kum, etwa 150 Kilometer südlich, und bei Yongdok an der Ostküste fanden zur selben Stunde statt. Einen Tag später – als die Panzerspitzen von Inchon bereits die 20 Kilometer entfernte ehemalige südkoreanische Hauptstadt Seoul erreicht hatten – gingen auch im Süden, im Brückenkopf Fusan, die Amerikaner zur Offensive über. Die Truppen General Walkers überschritten den Fluß Nakton in der Nähe Taegus in 25 Kilometer Breite. Trotz strömendem Regen flogen amerikanische Schlachtflieger 645 Einsätze an jenem Tag und belegten die nordkoreanischen Stellungen mit Bomben, Raketen und Bordwaffenfeuer. Teils flohen die Roten in hellen Scharen, teils kämpften sie, wie der Associated Press-Korrespondent Hal Boyle berichtet, "mit tierischer Wildheit". Die Offensive aber war nicht mehr aufzuhalten. Die gefürchtete strategische Zange war bei Inchon und Taegu angesetzt. Sie gab der Offensive ihren Namen: Operation Nußknacker.

Bei den seit dem 25. Juni, dem Ausbruch des Korea-Konfliktes, unentwegt auf dem Rückzug befindlichen UNO-Truppen löste der Beginn der Offensive einen Begeisterungstaumel aus. Three cheers for Mikado MacArthur" brüllten die GIs in ihren Gräben, ihren Panzern oder an Bord, wenn neue Siegesmeldungen eintrafen.

Im nordkoreanischen Lager haben die Landungen tiefe Niedergeschlagenheit ausgelöst. Denn der gesamte nordkoreanische Nachschub muß durch Seoul. "Es gibt wenige vergleichbare. Fälle in der Geschichte, in denen sich der Feind so weit vom Stamm fort auf die Äste hinaufgewagt hat", sagte MacArthur am Tage des Angriffs. "Und wir werden den Ast, auf dem die Kommunisten sitzen, absägen. Wir werden ihnen das Rückgrat brechen." Und schon berichtet die Weltpresse von Friedensfühlern, die Nordkorea nach Washington und Lake Success ausgestreckt haben soll.

Drei Millionen Flugblätter wurden über den nordkoreanischen Stellungen abgeworfen. "Unser Ziel", erklärte General Walker darin, "ist nicht nur die Wiedereroberung der verlorenen Gebiete, sonden auch die Zerschlagung unseres Feindes. Die Kämpfe werden so lange andauern, bis der letzte feindliche Soldat getötet worden ist oder sich ergeben hat." Das heißt: Unconditional surrender – auch für Korea. Und noch eine zweite Parallele zum Zweiten Weltkrieg, zum Krieg der Amerikaner gegen Deutschland, fällt ins Auge: Eine der ersten Maßnahmen der UNO-Streitkräfte, die noch vor wenigen Wochen bei ihrem Rückzug selbst die Taktik der verbrannten Erde anwandten, war es, eine Offiziers-Kommission einzusetzen, die Beweise für nordkoreanische Kriegsverbrechen sammeln soll...