In Verbindung mit der Deutschen Industrie-Ausstellung findet am 2. und 3. Oktober in Berlin eine Diskussionstagung zu dem Thema "Wirtschaftsgut Wärme" statt. Zu dieser Veranstaltung, die sich mit wirtschaftlichen und technischen Fragen der zweckmäßigsten Brennstoff-, Wärme- und Energieverwendung befaßt, stellte uns Generaldirektor Dr.-Ing. e. h. Heinrich Kost einen Beitrag zur Verfügung, den wir – infolge Raumnot leider mit geringfügigen Kürzungen – gern veröffentlichen.

Wir stehen an der Schwelle des Schuman-Plans und gleichzeitig auch an einer Wende in der Kohlenwirtschaft. In den vergangenen Monaten sahen wir die allmähliche Umwandlung des Verkäufermarktes in der Kohlenwirtschaft zum Käufermarkt. Es begannen sich bereits wieder Kohlen- und Kokshalden aufzutürmen. In den letzten Wochen aber hat sich diese Lage grundlegend gewandelt, und die Zeit ist abzusehen, wo die Halden wieder verschwunden sein werden. Trotz dieser sich anbahnenden Mengenkonjunktur besteht für den Bergbau, und hier insbesondere für den Steinkohlenbergbau, der Zwang, in naher Zukunft der Qualität der Kohle betont Augenmerk zu schenken.

In Paris fand vor einiger Zeit eine Tagung über Aufbereitungsfragen statt. Diese Tagung hat ergeben, daß in absehbarer Zeit alle Länder, die Kohle produzieren, Produkte auf den Markt bringen werden, die wesentlich aschearmer sind als die heutigen. Natürlich bringt die Erhöhung der Qualität gewisse Mehrkosten mit sich. Aber der Kohlenbergbau wird diese Mehrkosten auf sich nehmen müssen, um mit einer besseren Kohle die Konkurrenz mit dem Öl und den anderen Energien aufzunehmen. Über die Verbesserung der Kohlequalität hinaus werden auch die Feuerungsingenieure für den Hausbrand, für die Industrie und überhaupt für alle Sparten, die feste Brennstoffe verbrauchen, aufgerufen werden müssen, um neue Wege zu zeigen, wie bessere Kohle wärmewirtschaftlich richtiger und bequemer verwendet werden kann. So muß beispielsweise das Problem der Beschickung, d. h. der Aufgabe der Kohle in die Feuerungsräume, und das Problem der mechanischen Entaschung so gelöst werden, daß der Verbrauch von Kohle dieselben Vorteile bietet wie der Verbrauch von Öl oder die Verwendung von Gas.

Ein dem Bergbau Fernstehender könnte nun glauben, daß der Bergbau an einem hohen Kohlenverbrauch interessiert sei. Demgegenüber ist festzustellen, daß auf den Zechen selbst die Frage der Kohlenersparnis beim Betrieb der Kesselhäuser, Kraftwerke, überhaupt bei der gesamten Energieerzeugung, eine große Rolle spielt. Die Höhe des Selbstverbrauches ist ein Maßstab für die Wirtschaftlichkeit der betreffenden Schachtanlage. Und dem Bergmann ist es durchaus nicht gleichgültig, was mit seinem Produkt geschieht. Er ist interessiert, ob es falsch oder richtig eingesetzt wird, ob es in modernsten Feuerungen ausgenutzt oder in schlecht gewarteten Betrieben verschwendet wird; ob es schließlich, weil die Wirtschaft irgendwelchen Hemmungen ausgesetzt ist, auf die Halde gefahren werden muß oder fließend abgesetzt werden kann. Der Bergmann wünscht lebhaft, daß auch das letzte Gramm Kohle, das in den Abgängen der Aufbereitungsanlagen enthalten ist, irgendwie zu einer wirtschaftlichen Verwendung kommt.

Zunächst hat man versucht, die bei der Aufbereitung der Rohkohle anfallenden minderwertigen Brennstoffe, die sogenannten Mittelprodukte, die infolge ihres geringen Heizwertes keine längeren Transporte vertragen, in besonders dafür konstruierten Feuerungen zu verbrennen. Bei der Entwicklung dieser Feuerungsanlagen sind Erkenntnisse gewonnen worden, die in großem Umfang auch der übrigen Industrie zugute kamen. Ja, man ist sogar einen Schritt weitergegangen; im Augenblick laufen auf breiter Basis Versuche, um die aus Rohkohle bei der Aufbereitung ausgeschiedenen Steine, die sogenannten Wasch- und Klaubeberge, die sich mitunter zu großen Halden auftürmen, zu vergasen, um daraus ein Schwachgas zu gewinnen, das demnächst als Unterfeuerungsgas in Kokereien Verwendung finden soll. Die Einstellung zu den Fragen der wirtschaftlichsten Verwendung der Bergbaugüter ist einfach eine Frage der Nützlichkeit, Wenn trotzdem keine Verbilligung der Kohle zu erwarten ist, so sind dafür andere Gründe maßgebend. Sie liegen in der fortschreitenden Tiefe der Bergwerke und den dadurch steigenden Förderkosten. Hier weiter rationell zu arbeiten, bedeutet völlige Modernisierung, Dazu ist sehr viel Geld notwendig, dessen Bereitstellung man dem Bergbau immer wieder verweigert hat, und das er, infolge der politisch gebundenen Preise, selbst fast nie erwirtschaften konnte.

Dem Verbraucher bleibt also letztlich nur der Weg übrig, zur Verbilligung seines Verbrauchs Ersparnisse auf der Mengenseite anzustreben. Und – so paradox es auch klingt – der Bergbau ist bereit, alle Verbraucher in ihrem Bestreben, mit weniger Brennstoffen durch bessere Ausnutzung und durch Bereitstellung besserer Qualitäten auszukommen, zu unterstützen. Wir erblicken in den Bemühungen um die weitgehende wärme- und energiewirtschaftliche Betreuung der Brennstoffverbraucher und ihre Aufklärung über die beste Verwendung der Wirtschaftsgüter Kohle und Wärme, auch wenn sie auf den ersten Blick scheinbar gegen die Absatzinteressen der Kohlenwirtschaft gerichtet sind, den Weg zu einer gesunden Volkswirtschaft. Und wenn die Kohle den Weg der Betreuung des Verbrauchers geht, so liegt darin ein erheblicher Weitblick. Die Kohle ist sich darüber klar, daß es selbst in Zeiten einer Kohlenschwemme völlig verfehlt wäre, dem Verbraucher nicht dabei zu helfen, mit dem wertvollen Wirtschaftsgut Kohle haushälterisch umzugehen und die technische Entwicklung in dieser Richtung zu fördern: Je weniger Kohle durch bessere Wärme Wirtschaft – d. h. höheren Verbrennungswirkungsgrad, besser ausgenutzte Abwärme, verfeinerte Meßmethoden und Bereitstellung besserer Produkte – für ein bestimmtes Industrieerzeugnis gebraucht wird, desto billiger und konkurrenzfähiger wird dieses Erzeugnis und kann es in größerem Umfang der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden, d. h. sein Absatz vergrößert sich und eine größere Anzahl von Menschen ist imstande, es sich zu kaufen.

Eine gute Wärmewirtschaft zeitigt dieselben Auswirkungen wie die übrige Rationalisierung der Produktion. Wenn die Tagung "Wirtschaftsgut Wärme" die Aufgeschlossenheit für diese Dinge fördert, zu neuen Anstrengungen auf diesem Gebiet anregt und letzten Endes ihr Teil zum Wiederaufbau der deutschen und europäischen Wirtschaft beiträgt, dann hat sie ihren Zweck erreicht.