/ Zu Rilkes Briefen

Es gibt kaum einen Dichter, bei dem Werke und Briefe so untrennbar zueinander gehören, wie Rainer Maria Rilke. Briefe waren ihm Notwendigkeit, mehr als Zwiegespräche mit abwesenden, ihm nahestehenden Menschen. Zwar verstand er, sich im Geiste ganz in den Empfänger hineinzuversetzen und dessen Wesensart hellsichtig zu spiegeln. Doch alle die von seiner klaren, runden Handschrift geprägten, ungezählten Briefe tragen des Dichters geistige Diktion, sein ureigenes Wesen, das, von jener sanften Rücksicht für das andere Ich, im Geben noch als das empfangende wirkt.

Oft waren Briefe für Rilke Übungen auf das hin, was ihm später als reifes Können zufiel. In Briefen skizzierte er Beobachtungen vorsichtig mit zartem Pinselstrich, gab er Extrakte seiner Erfahrungen, wurde er sich mit dem Verstände klar über das, was er "unter Diktat" geschrieben hat. Und es gibt zusammenhängende Reisebriefe, die, aus unmittelbaren Eindrücken entstanden, Romane einer Landschaft sind und mit ihren Naturschilderungen den "Poemes en Prose" Baudelaires in nichts nachstehen. Rudolf Kassner hat nach Rilkes Briefe gesagt: "Werke und Briefe sind wie Rock und Futter, doch ist letzteres aus so kostbarem Material, daß wohl einer einmal auf den Gedanken verfallen könnte, den Rock mit dem Futter nach außen zu tragen."

Die sechsbändige Ausgabe der Briefe ist längst vergriffen. Dafür bringt der Insel-Verlag nun eine neue zweibändige Ausgabe heraus, ebenfalls in dem vertrauten braunen Leinengewand mit den goldenen Initialen RMR. Diese beiden Briefbände – Seitenstücke zu den "Ausgewählten Werken" – erreichen in ihrem Gesamtumfang von 1184 Seiten nahezu die sechsbändige Ausgabe. Die Auswahl allerdings, die vom Rilke-Archiv in Weimar herausgegeben und von Karl Altheim zusammen mit Ruth Sieber-Rilke besorgt wurde, ist verdichtet und auf das Wesentliche konzentriert. Abgesehen von Briefen im ersten Band, in denen das Biographische noch stärker in den Vordergrund tritt, wurden nur solche Briefe aus einem Zeitraum von fast drei Jahrzehnten (1897 bis 1926) gewählt, die aufschlußreiche Erhellungen zu des Dichters Werken bedeuten. Unter den neuaufgenommenen Briefen, etwa siebzig an der Zahl, finden wir bisher noch nie gedruckte, darunter einige von "Väterchen Rilke" an seine Tochter Ruth.

Wer das Rilke-Archiv kennt, weiß, daß noch unübersehbare Schätze an Briefen in den Tresoren schlummern. Helga Prollius