Für den preußischen Konservativen des vorigen Jahrhunderts gehörte das Zusammengehen Deutschlands und Rußlands zu den Postulaten einer gesunden politischen Entwicklung. Diese Haltung hatte sich in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen Kriege und dem Sturze Bismarcks als richtig erwiesen, hatte Mittel- und auch Westeuropa eine Zeit der politischen und wirtschaftlichen Sicherheit verliehen und schien daher unumgänglich notwendig, um eine gedeihliche politische Entwicklung auf der Grundlage genau abgegrenzter Interessen zu gewährleisten.

Von einem nachgelassenen Buch aus der Feder Otto Hoetzschs, der aus dieser Ideologie des preußischen Konservativismus hervorgegangen ist (Grundzüge der Geschichte Rußlands, K. F. Koehler Verlag, Stuttgart, 224 S.) ist eine historische Rechtfertigung dieser politisch-weltanschaulichen Forderung zu erwarten. Dafür mußte Hoetzsch natürlich die Auffassung der Kreise zu Wort kommen lassen, die sich in Rußland dieser Konzeption geneigt zeigten: der konservativ-großrussischen Schicht, die hierbei in steigendem Gegensatze sowohl zu westlerischen wie zu panslawistischen Auffassungen stand Für sie war der historische Ablauf von der Gründung des Kiewer Staates durch die Waräger über das Großfürstentum Moskau zum Kaiserreich aller Reusen ein glatter, folgerichtiger, sozusagen vollendet logischer Vorgang. Einwände der ukrainischen Geschichtsschreibung hiergegen werden an zwei Stellen scharf zurückgewiesen. Die Schicksale der "Fremdvölker" des Reiches, also der türkischtatarischen, finnischen, kaukasischen, auch der baltischen Stämme, werden in echt großrussischer Manier überhaupt übergangen.

Die Schlußbemerkungen über die Zeit seit 1917 geben die offizielle Parteiauffassung wieder: Hoetzsch lehrte ja an einer sowjetischem Einflüsse zugänglichen Universität. Sie sind damit einer kritischen Würdigung überhoben. Sie führen aber zur Hauptfrage, die der Leser sich stellen wird: War die Rapallo-Politik berechtigt? Konnte die Haltung der preußischen Konservativen auf den bolschewistischen Staat übertragen werden? Hoetzsch hat diese Frage zeitlebens bejaht und konnte (wie jeder Anhänger dieser Richtung) gewichtige Vorteile eines deutsch-russischen Zusammengehens vorweisen. Ob er im Sommer 1945 noch ehrlichen Herzens daran festhielt, vermag ich nicht zu sagen. Berthold Spuler.