Von T. S. Eliot

Die Grundlage der Kritik ist die Befähigung, aus vielen Gedichten ein gutes herauszufinden und ein schlechtes Gedicht zu verwerfen; und ihre strengste Erprobung besteht in ihrer Befähigung, ein gutes neues Gedicht zu finden, in rechter Weise auf eine neue Situation zu reagieren. Das Vertrautsein mit Dichtung, wie es sich in bewußten und gereiften Menschen entwickelt, ist nicht eine bloße Folge des Vertrautseins mit guten Gedichten. Die Erziehung des Sinnes für Dichtung bedarf einer inneren Bewältigung der Ergebnisse dieses Vertrautseins. Es gibt keinen unter uns, dem ein untrüglicher Unterscheidungssinn und Geschmack eingeboren wäre, oder der zur Zeit der Pubertät oder später mit einemmal einen solchen erwerben könnte. Der Leser, dessen Vertrautheit mit Dichtung begrenzt ist, gerät immer in Versuchung, sich durch das Unechte oder Verfälschte verführen zu lassen; und wir sehen, wie ganze Generationen ungeübter Leser auf das jeweilig Unechte und Verfälschte hereinfallen – ja, beides tatsächlich vorziehen; denn beides kann man sich leichter zu eigen machen als das Echte. Aber einer sehr großen Zahl von Menschen, glaube ich, ist die Befähigung von Geburt aus eigen, einen gewissen Bestand guter Dichtung mit Genuß zu lesen: wieviel oder wie viele Grade solcher Befähigung man dabei förderlich unterscheiden kann, das zu ergründen gehört nicht zu dem, worauf es mir ankommt. Gewiß gelingt es nur dem außergewöhnlichen Leser, im Laufe der Zeit seine Erfahrungen voneinander zu sondern und sie zu vergleichen, die eine im Lichte der anderen zu sehen; nur er wird in dem Maße, wie seine Erfahrungen auf dem Gebiete der Dichtung mannigfaltiger werden, imstande sein, jede einzelne genauer zu verstehen. Das, was erst nur Genuß war, erweitert sich zur Würdigung – und dadurch erfährt die ursprüngliche Intensität der Empfindung eine geistige Vertiefung. Eine zweite Stufe in unserem Verständnis der Dichtung entsteht, wenn wir uns nicht mehr darauf beschränken, auszuwählen und zu verwerfen, sondern zu einer inneren Bewältigung dieses Bereiches fortschreiten. Wir können sogar von einer dritten Stufe sprechen, der Stufe einer Art neuer Bewältigung; einer Stufe, auf der ein Mensch, dessen Sinn für Dichtung bereits entwickelt ist, auf etwas Neues in seiner eigenen Zeit trifft und ein neues "Muster" der Dichtung entdeckt, das in der Folge Gestalt gewinnt.

Deutsch von Hans Hennecke. (Aus "Ausgewählt Essays 1917–1947". Suhrkamp Verlag, Berlin und Frankfurt am Main. 514 Seiten.)