Von Paul Hühnerfeld

Der Dramatiker Georg Büchner ist. in der Geschichte der deutschen Tragödie in gewisser Weise ein Ende. Wer mit der barocken Weltauslegung aus Gryphius’ Märtyrerdramen oder dem Kampf der Idee gegen die Mächte der Geschichte in Schillers Schauspielen im Herzen den "Danton" liest, der erschrickt vor der Folgerichtigkeit des Weges, den die Dichter eines Volkes von der Dramatisierung einer Heilsgeschichte zur tragischen Ausweglosigkeit, von der Theodice zum Nichts gegangen sind. Und doch gibt es schon zwei Stellen, an denen bei Gryphius und Schiller sichtbar wird, daß die Tragik Büchners ein immanenter Bestandteil der deutschen Geistesgeschichte ist: da ist einmal die Friedhofsszene aus "Cardenio und Celinde", in der der liebestollen Celinde das Gespenst erscheint und sie an die Zeitlichkeit des Lebens – in der modernen Terminologie ausgesagt: an das Sein zum Tode erinnert, und da ist jene erschütternde Notiz, mit dem Schillers Fragment des "Demetrius" endet: kurz nach dem Tode des Demitrius wird ein neuer Demetrius angekündigt, wobei es offen bleibt, daß nach dessen Tode wieder ein neuer erscheint – "und so fort". Das ist die absolute Niederlage der Einmaligkeit der Idee vor der immerwährenden Wiederkehr im Sein. Von hier aus ist kein weiter Schritt mehr zu dem so spielerisch hingeworfenen und so bitter ernst gemeinten Satz von Büchners Lena: "Es kommt mir ein Gedanke: Ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, bloß weil sie sind..."

So gesehen wird Büchner mehr als der soziale Ankläger und Revolutionär im Zeitalter der Restauration. Und so sieht ihn Karl Vietor in seinem Buch "Georg Büchner – Politik, Dichtung, Wissenschaft" (im A. Francke Verlag, Bern, 600 S.), ohne deshalb Büchners Zeitbedeutung zu übergehen. In diesem mit tiefer Liebe und großer Sachkenntnis geschriebenen Buch wird der 23jährige Dichter Gestalt – fragmentarische Gestalt zwar, aber das macht gerade die Echtheit des Bildes aus. Vietor hebt Büchner ab als den großen Einsamen von der Zeit des beginnenden Biedermeiers; er weist in "Dantons Tod" und dem "Woyzeck" Büchners Verhältnis zur Geschichte nach, das fast das eines Reporters zum Gegenstand seiner Reportage ist (denn die Geschichte eigenwillig – etwa nach Ideen – zu verändern, würde Büchner als ein Sakrileg an der Wirklichkeit erscheinen, weshalb es auch für ihn nur einen Dichter gab, der sich vor der Geschichte nicht zu "schämen" brauchte: Shakespeare) Vietor zeigt bei der Besprechung von "Leonce und Lena", wie dieses Lustspiel, von der Romantik mitgeprägt, so wenig mit dem deutschen Charakterlustspiel (etwa Lessings Minna von Barnhelm), aber so viel mit Shakespeares "Was Ihr wollt" zu tun hat. Vielleicht hat dies mit solcher geistigen Intensität geschriebene Werk nur einen Fehler: es geht an mehreren Stellen zu literarhistorisch und zu wenig philosophisch vor. Eine gemäße Interpretation Büchners ist aber oft ohne Herbeiziehung der Philosophie gar nicht möglich. So zum Beispiel an jener Stelle im Danton, an der Danton über den Fluch des "Etwas" spricht, das nicht zu Nichts werden kann und an der sich gleichsam der immer unter der deutschen Geistesgeschichte fließende Strom neuplatonischer Mystik (wie wenige Jahre später in Hebbels "Judith") deutlich bemerkbar macht. Und auch die Grundbefindlichkeiten der Büchnerschen Helden: die Langeweile und die Angst werden erst ganz verständlich, wenn man die im Raum der Analysen Baaders, Görres und Kierkegaards sieht. Daß die Verlagerung der Tragik in der Dramatik vom Kampf um Gott oder die Idee zur Ausweglosigkeit des Seins nicht mit der philosophischen Verlagerung vom Bewußtsein hinweg zur Existenz konfrontiert wird, ist schade – wenn es freilich Viëtor auch vor der Gefahr allzu schneller Einordnung Büchnerscher Gehalte in existenzphilosophische Begriffe bewahrt.

Von aufregender Lebendigkeit ist das "Schiller"-Buch Melitta Gerhards (ebenfalls bei Francke in Bern erschienen, 455 S.). Es beginnt mit jenen Sätzen des Dichters über sich selbst, die Leitformel für sein Leben sein könnten: "Ich bin nicht, was ich hätte werden können. Ich hätte vielleicht groß werden vielleicht aber das Schicksal stritt zu früh wider mich." – Diesen Zwiespalt zwischen Wollen und Wirklichkeit, zwischen Idealität Realität – dies Kennzeichen für die künstlerische Existenz Schillers hat Melitta Gerhard aus Schillers eigener ästhetischer Anschauung und seinem eigenen künstlerischen Wollen heraus zu interpretieren versucht. So entstand ein Bild Schillers, das nur wenig mit dem des überlieferten klassischen Dichters, fast ebenso wenig aber mit jenem Bilde zu tun hat, das noch vor wenigen Wochen ein englischer Kulturhistoriker in der Literaturbeilage der Times entwarf Schiller sei ein verhinderter Theologe gewesen, ein redewütiger Prediger ohne Rednertalent – kurz – ein deutscher Oberlehrer großeren Formats. (Diese Deutung ist seit Nietzsches "Moraltrompeter von Säckingen" nicht eigentlich neu und die englische zeichnete sich nur durch die in Deutschland für die Analyse von Dichtung längst als weitgehendst unbrauchbar erwiesene Methode der Psychoanalytik aus.) – Allerdings war Schiller ein typischer Deutscher, wenn man die Eigenschaft, die Welt vom Gedanklichen her zu meistern und nach der Idee zu gestalten, als typisch deutsch empfindet. Gerade von Schillers wohl weitaus atmosphärischstem Stück Kabale und Liebe – weist die Verfasserin überzeugend nach, daß die Personen nur von der Idee gesehen sind; daß Schillers tiefster Lebensbezug immer ein ideeller, meist sogar ein moralisch wertender Lebensbezug ist. Schiller sieht de Welt nicht mit den Augen des Dichters, sondern als Richter. Und um der Gerechtigkeit willen versucht er einer Gestalt wie dem alten Miller so viel echte Atmosphäre wie möglich zu geben. – Letzten Endes aber ist es eine persönliche Auffassung, ob man einen Moralisten von vorneherein als penetrant empfinden soll – daß er bisweilen so wirken kann, braucht nicht nur an ihm zu liegen.

Man könnte trotz aller Unterschiede eine Parallele zwischen Schiller und iem russischen Dichter Leo Tolstoj ziehen. Beide Dichter schöpfen ihr Lebensgefühl nicht eigentlich aus ihrem Dichtertum, sondern sie dichten, weil sie die Welt zeigen wollen, wie sie ist. Solcher fanatischer Realismus aber ist immer der erste Schritt zum Moralisten. "Sein Dichtertum", sagt Käte Hamburger in ihrem Buch "Leo Tolstoj, Gestalt und Problem" (Francke, Bern, 192 S.) von Tolstoj, "war nicht der Grund, in dem sein Existenzgefühl wurzelt, sondern war seinerseits geleitet durch den moralischen Trieb, die echten Grundlagen des menschlichen Lebens aufzuspüren."

Die außergewöhnlich gründliche Arbeit zeigt wohl zum erstenmal in deutscher Sprache die Grundkategorien des Tolstojschen Werkes auf. Von besonderer Eindringlichkeit ist das Kapitel, in der die Interpretation sich mit dem Problem der Zeitlichkeit bei Tosltoj auseinandersetzt. Am Beispiel von "Krieg und Frieden" und der "Anna Karenina" weist die Verfasserin nach, daß Tolstoj keine Hauptfiguren und keine Hauptereignisse gekannt habe, und daß gerade dies den eigentümlichen Reiz seiner Romane ausmacht. Wie ein breiter Strom rollt das Leben vorbei:".... hier ist die Schlacht bei Borodino kein wichtigeres Ereignis als Nataschas erster Ball und Nikolaj Rostows Wolfsjagd, der Kriegsrat des Feldmarschalls Kutosow nicht bedeutender als Pierre Benuschows Erbschaftsgeschichte Von hier erscheint das menschliche Leben (mit westeuropäischen Augen gesehen) eigentlich geschichtslos. – Wie anders dagegen, wenn die Verfasserin Tolstojs Novelle "Der Tod des Iwan Iljitsch" interpretiert! Sie erinnert sich dabei an die Fußnote in Heideggers "Sein und Zeit", in der der Philosoph diese Novelle als dichterischen Ausdruck des "Man stirbt" – des "alltäglichen Seins zum Tode" angeführt hat. Sie beginnt nun, Tolstojs Zeitgefühl in Heideggers Kategorien zu deuten. Aber was man sich bei der Büchner-Interpretation Victors bisweilen ge wünscht hätte – nämlich eine größere Rücksichtnahme gerade auf Heideggers die Gedankengänge –, stimmt für die Tolstoj-Auslegung bedenklich. Denn das "auf die Zukunft hin", das die Verfasserin nun auch in dem Zeitgefühl Tolstojs sieht, steht im Gegensatz zu der wenige Seiten vorher überzeugend herausgestellten Monotonie der Zeit und der dadurch sich ergebenden "Dezentralisation" der Geschehnisse.