Frankreichs Indochina-Sorgen

Von unserem Pariser Korrespondenten Arthur Rosenberg

Paris‚ im September

Soll Indochina ein zweites Korea werden? Die letzten Nachrichten aus Ostasien lassen dies befürchten. Rotchinesische Waffenlieferungen an den Viet-Minh, die annamitische Unabhängigkeitsbewegung in Indochina, und Truppenkonzentrationen in Südchina auf der einen, amerikanische Waffenlieferungen an Bao Dai auf der anderen Seite –: das sind die Indizien. Schon kündigte der Viet-Minh eine allgemeine Offensive zur "endgültigen Befreiung" des Landes an. Und schon wird die Grenze zwischen Indochina und China zum größeren Teil von den Anhängern des Viet-Minh kontrolliert. Die Franzosen mit ihrem Verbündeten Bao Dai sind in einer ähnlichen Lage, in der sich vor Ausbruch des Koreakonfliktes die Amerikaner mit Syngman Rhee befanden. Hier wie dort eine regierende Minderheit; hier wie dort der Einfluß Moskaus im Hintergrund; hier wie dort die Tatsache, daß in den Augen des Volkes ein gewisses moralisches Recht eher auf der rebellierenden als auf der regierenden Seite zu liegen scheint.

Eine Beobachterin, Claudine Chones, schrieb auf Grund eigener Eindrücke in Sartres Monatsschrift Les Temps Modernes: "Das einfache Volk von Hanoi bezeichnet Ho Chi Minh (den Führer der Unabhängigkeitsbewegung) als Heiligen. Er hat nicht Frau noch Kind, er hat keine Familie, ihm gehört nichts, und er gehört niemandem. Jedermann glaubt, daß er weder nach Geld und Ehren noch nach absoluter Macht strebt. Dies sind Dinge, die im Herzen der Völker schwer wiegen." – Dieser heimlichen Macht, die ihm den Respekt der Bevölkerung gewann, hat sich einmal sogar Bao Dai, der heutige Gegenspieler Ho Chi Minhs, beugen müssen. Das wat im September 1945, nach dem Abzug der Japaner, als sich alle Parteien und Gruppen des Landes zusammentaten, um die unabhängige Republik unter dem alten Vier Nam auszurufen. Damals verzichtete Bao Dai, der bisherige Kaiser, freiwillig auf den Thron. Er wolle, so erklärte er feierlich, zum Besten des Volkes sich von nun ab mit der Rolle eines einfachen Ratgebers Ho Chi Minhs begnügen.

Ho Chi Minh ist durch die politische Schule Moskaus gegangen. Daß der asiatische Asket ein treuer Jünger Moskaus ist, erscheint dennoch unvorstellbar. Sicher ist vielmehr, daß die Bewegung, die er 1940 auf chinesischem Boden gründete, schon sehr bald alle nationalen Kreise Indochinas umschloß. Unter diesen Umständen blieb auch Frankreich nach Kriegsende kein anderer Weg übrig, als mit Ho Chi Minh zu verhandeln, um von Indochina zu retten, was noch zu retten war. Es war vergebens. Daraufhin begann Frankreich offiziell um Bao Dai zu werben, allerdings unter starken Widerständen von Kennern der Verhältnisse, die dem früheren Kaiser vorwarfen, daß er mit den Japanern paktiert hatte und daß er sehr genußsüchtig sei.

Bao Dai, der in Paris seine Erziehung genoß und seither als Söldling der Weißen verschrien ist, sah sich veranlaßt, Ho Chi Minh in seinen nationalen Forderungen gegenüber Frankreich noch zu übertrumpfen, um das Vertrauen seines Volkes zurückzugewinnen. Nur widerstrebend zwar konnte er sich von seinem prächtigen Landsitz bei Cannes trennen, nur ungern wollte er das gefahrenreiche Abenteuer in der Heimat wagen. Doch all dies machte es ihm persönlich leicht, seine Forderungen um so höher zu steigern, je mehr das offizielle Frankreich drängte. Und tatsächlich: Bao Dai konnte mit seinem Zögern in zweijährigen Verhandlungen weit mehr an Zugeständnissen herausholen, als die Pariser Regierung je Ho Chi Minh einzuräumen bereit gewesen war. Frankreich ist heute in Indochina praktisch auf die Rolle des Gendarmen für den Präsidenten Bao Dai beschränkt. Und kein Zweifel: Wenn es Frankreich eines Tage gelingen sollte, Bao Dais Herrschaft wirklich zu stabilisieren, wäre die erste Sorge des Kaisers, sich seine Schutzmacht und Steigbügelhalter vom Halse zu schaffen.