Ein starker Mann erschien in Washington: der neue amerikanische Verteidigungsminister George C. Marshall, der am 19. September sein Amt antrat, und – die Ära des "starken Mannes" Louis A. Johnson gehört der Vergangenheit an. Seine Mission ist teils erfüllt! Johnson, hat die drei Wehrmachtsteile vereinheitlicht; teils durch die Ereignisse des Korea-Krieges gründlich überholt. Johnson war der Mann des Sparprogramms im Wehrmachtetat gewesen. Schon als er vor 18 Monaten diese Aufgaben übernommen, hatte er gewußt, "daß er sich bei einer gewissenhaften Erfüllung seiner Pflichten als Verteidigungsminister mehr Feinde als Freunde schaffen würde". Sein Wort ist wahr geworden. Selbst Truman, der noch vor kurzem erklärt hatte, Johnson werde nicht zurücktreten, solange er Präsident sei, hat sich eines Besseren belehren lassen müssen. Und sicherlich ist es ihm nicht leicht geworden, auf das Rücktrittsgesuch seines alten Freundes "Lou" zu antworten, daß er "unter den schrecklich bedauerlichen Umständen, die sich ergeben haben, den angebotenen Rücktritt mit Wirkung vom 19. September annehmen" müsse. Allein, von allen Seiten waren die Angriffe gegen Johnson vorgetragen worden. Man warf ihm vor, die Außenpolitik des Landes sabotiert und die militärische Verteidigungsbereitschaft des Landes in einen bedenklichen Zustand gebracht zu haben. Immerhin war es Johnsons Vorschlag, daß Truman den ehemaligen Außenminister und derzeitigen Präsidenten des amerikanischen Roten Kreuzes, General George C. Marshall, zu seinem Nachfolger ernannte. Damit nimmt zum erstenmal in der Geschichte der USA ein aktiver Offizier – denn das ist Marshall noch immer – auf dem Sessel des Kriegsministers Platz.

Man darf erwarten, daß die Amtsübernahme Marshalls zu einer allgemeinen Wachablösung in den obersten zivilen Stellen des Ministeriums führen wird. Schon hat der bisherige stellvertretende Verteidigungsminister Stephen T. Early seinen Rücktritt erklärt; als sein Nachfolger gilt Marshalls "rechte Hand", der ehemalige Unterstaatssekretär im Außenministerium Robert A. Lovett. Auch die Amtstage des Marineministers Francis P. Matthews, der sich als ein allzu williges Sprachrohr Johnsons erwiesen hatte, dürften gezählt sein. Dagegen wird wohl die Stellung des bisherigen Vorsitzenden der Vereinigten Chefs der Wehrmachtsteile, General Omar N. Bradley, eine wesentliche Festigung erhalten: Johnson hatte die Absicht gehabt, ihn von diesem Posten zu entfernen und zum obersten Befehlshaber der Atlantikpakt-Streitkräfte vorzuschlagen. Für Deutschland dürfte es von Bedeutung sein, daß George C. Marshall, der ehemalige Chef des Generalstabes, von dem damaligen Unterstaatssekretär im Kriegsministerium John McCloy eine hohe Meinung hat. In Washington hält man es für möglich, daß Marshall ihn für wichtige Aufgaben anfordern wird.

Die Kombination Marshall–Acheson–Lovett wird zu einer wesentlichen Besserung der Beziehungen zwischen dem Verteidigungsministerium und dem State Department beitragen, denn das persönliche Verhältnis dieser drei Männer zueinander ist besonders gut. Ob dadurch allerdings die von den Republikanern zum Punkt eins ihres Wahlprogramms erhobene Kampfansage an die Regierung Truman wegen der im Fernen Osten begangenen außenpolitischen Fehler eine Milderung erfahren wird, ist mehr als zweifelhaft. Ernst Krüger