Von Kyra Stromberg

Auf den ersten Blick erscheint aller Schmuck als Überfluß. Historische Schmuckfunde, sogenannte "Schätze" lassen auf den Wohlstand einer Zeit, mindestens aber einer herrschenden Schicht schließen. Sprichwörtlich ist die breite und gediegene Schmuckfreude des späten und bürgerlich reichen Mittelalters.

Ein beachtlicher Teil des mehr oder minder wohlerworbenen und fortgeerbten Wohlstandes des 19. Jahrhunderts ging in den letzten zwei Generationen dahin. Die Schmuckschatullen unserer Großmütter schmolzen in den Bombennächten oder ruhen unerreichbar unter Trümmern. Mancher ansehnliche Familienschmuck wurde in den Nachkriegsjahren "aufgegessen" oder half, eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Da, wo neuer Geldbesitz entstand, wurde er vor allem vor der Währungsreform gern und rasch in Schmuck umgewandelt, der dann weniger getragen, als vielmehr nach Karaten gewogen und als Kapitalsanlage im Safe aufbewahrt wurde. Strenge Realisten meinen gern: Schmuck heute, wo wir notorisch arm sind und andere Sorgen haben, ist unzeitgemäß, also überflüssig. Sie vergessen, daß der Besitz und das Tragen von Schmuck nicht nur und nicht in erster Linie eine Demonstration des Reichtums ist, sondern je besser er ist, eine – um so leisere – Darbietung des guten Geschmacks.

Allerdings ist die Kostbarkeit des Materials für den Wert des Schmuckes bedeutsam, aber sie ist nicht ausschlaggebend. Die Freude daran, sich zu schmücken, ist offenbar allen Frauen angeboren und entspringt nicht nur dem Wunsch, sich kostbar, sondern vor allem, sich reizvoll zu machen, aus dem Alltag in das Festliche hinauszutreten. Dafür gibt es eine ebenso arme wie unantastbare Zeugin: Fausts Gretchen. "Kein Engel ist so rein" – und doch ist sie dem geschenkten Schmuck in einer ganz ursprünglichen Lust hingegeben, der Lust, schön – noch schöner–zu sein. Dieses Vergnügen ist wichtiger als der Versicherungswert des Schmuckstückes. Wichtiger sogar als seine "Echtheit". Die solide Verachtung, die bei uns zulande so viele, für den "unechten" Schmuck, den "Tinneff", haben, für Schmuck also, der nicht aus reinen Edelmetallen, Gold und Platin und Edelsteinen hergestellt ist – entstammt der gleichen Verwechslung, von Geld- und Geschmackswert wie – umgekehrt – das bei uns so heftig entwickelte Bedürfnis nach prunkvoll aussehendem Schmuck, nach falschen Brillanten, nach barockem Dekor in Double, kurz nach vorgetäuschter Kostbarkeit. Die Unterscheidung von "echt" und "unecht" liegt nicht so sehr im Material als in der Form, in der Arbeit und in dem, was man mit dem Schmuck will.

Die Zurückhaltung gegenüber modischem Schmuck (wie man den "unechten" lieber nennen sollte) wird gern mit unserem besonders gediegenen Geschmack am objektiv Wertvollen und an guter Handwerksarbeit erklärt. Sie wird meistens von denen verfochten, die ihre Frauen mit solchen schwerwiegenden, anschaulichen und krisenfesten Beweisen ihres Wohlstandes ohne sonderliche Rücksicht auf Formschönheit, Stilsicherheit und Materialgerechtigkeit behängen.

Nichts sei gesagt gegen die Köstlichkeit eines echten, alten oder auch modernen Schmuckstücks. Wer etwa einmal einen antiken Goldschmuck in Händen hielt, wird die Faszination des Goldes für den Menschen vom frühesten bis auf den heutigen Tag verstehen. Wer in das reine, heitere und tiefe Funkeln eines Smaragds sah, wird begreifen, daß man diesem unterirdischen Feuer verfallen kann wie der Goldschmied in E. T. A. Hoffmanns berühmter Novelle. Der Reiz des durch seine Seltenheit Kostbaren ist ungeheuer. Daß man etwas an sich Schönes – eine schöne Frau etwa – durch ihn auszeichnen und hervorheben will, ist naheliegend und begreiflich. Vielleicht aber sollte das Vergnügen an der Kostbarkeit das an der festlichen Wirkung, eines Schmuckes nie übersteigen.

Als der Krieg zu Ende und unser Schmuck vielfach und auf mannigfaltige Weise verschwunden war, haben wir uns, als wir unser erstes "Fest" begingen, vielleicht mit Blumen geschmückt, die wir in irgendeinem verlassenen Garten gestohlen hatten. Kein Mensch kam auf die Idee, daß dieser Schmuck – denn als solcher war er durchaus gemeint – "unecht" war. Er war vergänglich. Und vergänglich, "vergänglicher" als der sogenannte "klassische" Schmuck, ist der modische, vielleicht durch sein angreifbares Material, vielleicht dadurch, daß er sich bestimmterer Gelegenheit anpaßt. Modischer Schmuck – dessen Wert der phantasievolle Einfall und die oft bemerkenswert feine, sogar industrielle Arbeit und nicht das Material darstellen – kann sehr reizvoll sein. Die Franzosen und auch die Italiener haben es mit unerschöpflicher Grazie bewiesen. Auch die elegante Amerikanerin trägt ihn – es sei denn, sie findet es belustigender, sich und ihre am Hals oder in den Ohren befindlichen Millionen während einer Party von drei Detektiven bewachen zu lassen.

Wir haben schließlich eine bodenständige und entwicklungsfähige Schmuckindustrie in Deutschland, nämlich in Pforzheim, die allerdings sehr Unterschiedliches hervorbringt. Dinge etwa, die wir mit einem recht empfindlichen Sinn für das uns Angemessene nicht lieben können, weil es eben kostbaren Hochglanz in billiger Ausführung vortäuschen will. Daneben aber gibt es den eigentlichen Modeschmuck, der aus alten Schmuck formen wie aus ganz abstrakten modernen schöpfen kann. Das Hübsche und Verlockende ist, daß ihm von den Halsketten der Ägypterinnen bis zu den vielfältigen Schmuckformen der Trachten, der Ketten, Armbänder, Gürtelschnallen, Halsschließen, Broschen und Schuhspangen dekorative Formen in unerschöpflicher Fülle zur Anregung und Umgestaltung zur Hand sind. Es ist eine Fundgrube für den Modeschöpfer, der sich der Eigenheit seiner Zeit und vor allem der Eigenheiten seiner Zeitgenossinnen bewußt ist und – ihre Lust, sich zu verwandeln, kennt. Phantasie und Sorgfalt der Arbeit sind entscheidender für die Schöpfer des Modeschmucks – und schließlich war jeder Schmuck einmal ein modischer – als das Material. Hier ist ein bei uns nicht genügend beachtetes Tummelfeld für alle weibliche Phantasie.