Das Thema Ehe ist heute zur beliebtesten Domäne alles unverbindlicher. Denkens von der witzelnden Aphoristerei bis zum hausbackenen Moralisieren, vom medizinischen und psychologischen Aufkläricht bis sur politischen und weltanschaulichen Massenpropaganda geworden. Wer aber ist denn nun eigentlich zuständig, über das Ganze des großen Themas und nicht nur über seine Einzelaspekte zu sprechen? Der Frankfurter Psychotherapeuth Ernst Michel, der in den letzten Jahren durch seine beiden Schriften "Der Partner Gottes" und "Renovatio" auch in Theologenkreisen Aufmerksamkeit erregt hat, gibt in seinem dritten Buch "Ehe – Eine Anthropologie der Geschlechtsgemeinschaft" (Ernst Klett Verlag, Stuttgart) das Stichwort! Die Ehe gehört in den Bestand der ersten und letzten menschlichen Befunde.

Man muß einer christlichen Auffassung vom Menschen die Chance einräumen, sich zu entfalten, wenn man Michels Ehebuch verstehen und in den Genuß seiner erstaunlichen Panoramas ebenso wie in den Gewinn seiner mannigfachen Lebenshilfen gelangen will. Diese Voraussetzung soll nicht besagen, daß es sich hier um eine mit bischöflichem Imprimatur versehene Wissenschaft handelte. Sie gilt nicht vor der Sack, sondern erweist sich erst an ihr und im Verlaufe ihrer Enthaltung. Wer weiß und fordert denn selbst in kirchlichen Kreisen mehr von einer Eheauffassung, die der "christlichen Anthropologie" gemäß ist, als daß die Ehe ein Sakrament und unlöslich sei? Inwiefern sie dies ist und unter welchen Voraussetzungen, wieweit hier das "Gesetz" die "Freiheit des Christenmenschen" bindet, was als wirkliche Ehe gilt, welche Kraft das Sakrament in dieser Bindung besitzt und worauf es sich gründet – über diese und viele weitere Fragen gibt aber die kirchliche Lebensordnung nur Antworten, die vom Dreifuß und ex kathedra gesprochen sind und für den Menschen heute in der Regel als abstraktes äußerliches Gesetz auftreten. Andererseits fürchtet die kirchliche Ehemoral, die trotz aller Säkularisierung der Ehe doch immer noch die Unterlage auch der bürgerlich-weltlichen Ehemoral bildet, mit einem gewissen Recht die Anarchie des Naturalismus in den Geschlechtsbeziehungen, wenn sie sich selbst auf übergeordnete Gesetze und Verhältnisse des menschlichen Seins zurückführen ließe und dadurch ihre "Unmittelbarkeit zu Gott" aufgäbe.

Zwischen diesen beiden Fronten des Naturalismus und des Moralismus der Ehe hat nun Michel seinen Standort bezogen. Er findet die Seinsgrundlagen der Ehe nicht in der "Natur", nicht im isolierten Einzelmenschen und seinem Geschlechtstrieb, sondern in der schöpfungsgegebenen Zuordnung der Geschlechter. "Das Geschlechtliche kann nicht vom Geschlechtstrieb her verstanden werden. Es ist eine Wirkmacht zwischen zwei Menschen Der isolierte Geschlechtstrieb vermag daher nach Michel auch dann nicht ehegründend zu werden, wenn er auf starken "Faszinationen" der Partner beruht und – im Sinne der Tiefenpsychologie C. G. Jungs – nach den Wunschbildern der "anima" im Manne oder des "animus" in der Frau seine Wahl trifft. Für die Geschlechtsgemeinschaft der Ehe ist erforderlich, daß "beide Partner sich in ihrem gesamten natürlichen Dasein und Sosein zueinander hingezogen fühlen und mit dem darauf begründeten Ja der Erwählung in die geschlechtliche Begegnung eingehen."

Michels Thesen werden den Naturalisten zu weit mit dem Gesetz, den Moralisten zu weit mit der Freiheit gehen. Wenn die Ehe eine Seinsbindung und keine eigentliche Gesetzesbindung ist, wird es schwer sein, immer zu entscheiden, wann die Partner in eine "ganzheitliche Begegnung", wann nur in eine "Faszination" zueinander getreten sind. Die bindende Kraft der Pflicht, die sich im Leben so oft zuletzt als das eigentliche Glück erweist, wird vielleicht auch zu gering von Michel eingeschätzt, sowenig man ihm irgendeine falsche Freizügigkeit unterstellen könnte. Es ist ein Hauptanliegen aller seiner Schriften, immer wieder das Verhältnis von Gesetz und Freiheit im Rahmen christlich-katholischer Grundanschauungen herauszuklären und die Sache der rechten Freiheit fast bis an die Grenze, die die Reformatoren seinerzeit überschritten, vorzutreiben. So sucht er in der Scheidungsfrage und der Frage der Empfängnisverhütung die Kraßheit des kirchlichen Dogmas der vielfältigen Not und Tragik näherzubringen, die diese Fragen in der Wirklichkeit der einzelnen Fälle mit sich führen.

Wer die christlichen Grundauffassungen des Autors teilt, wird entscheidende Weisungen aus Michels Buch entnehmen können. Aber auch die, die "weltlicher" über die Ehe denken, geraten durch Michels vielschichtige Gedankenführungen in eine tiefere Auseinandersetzung mit den Grundfragen der Zeit. Joachim Günther