In den Nummern 34, 35 und 36 brachte "DieZeit" vier Gedichte von Helmut Jahn, geschrieben im ostzonalen KZ, in dem er vier Jahre seines Lebens verlieren mußte. Die Verse erregten Aufsehen und Anteilnahme. Sie ließen auf; horchen durch den Tonfall des unmittelbar Erlebten, die Ursprünglichkeit und Natürlichkeit der Sprache eines Eigenständigen, der die Gedanken Tausender in dichterische Form zu bringen wußte. Diese Verse kommen nicht aus der Literatur und zielen auch nicht auf Literatur. Bei welcher Regung wirklich elementarer Begabung wäre das auch je der Fall gewesen? Echte literarische Werte entstehen nicht aus bewußter Absicht, sie ergeben sich nachträglich als Gewinn neuartiger Prägungen; diese aber schenkt das Leben selbst dem vom Drang zur Aussage Getriebenen, wenn er ein Berufener ist. Also Zwang zur Aussage – aber unter welchen Umständen! Helmut Jahn erzählt:

"Die ersten beiden Gedichte, ‚An F. Villon‘ und ‚An meine Frau‘ hätten einen viel brutaleren Titel verdient: ‚Mit Sch... an die Wand gedichtet‘. Ich hatte nämlich keinen Bleistift und kein Papier. So großzügig waren die Russen wiederum nicht, daß sie einem Gefangenen Schreibwerkzeuge ließen. Also stellte ich mir eine Tinte aus Chlorkalk, Kaffee und Rot her. Als ,Federhalter‘ benutzte ich ein Stück Holz. Dieses Stück Holz biß ich mit meinen Zähnen aus einem Spindbrett heraus. Die Gedichte konzipierte ich Zeile für Zeile im Kopf, lernte Vers für Vers, Strophe für Strophe auswendig, klammerte mich – bei Villon – an das Schema: "Eine Ballade hat drei Strophen von acht Zeilen und eine Zueignung von drei‘ und schrieb dann mit meinem Griffel aus Holz und meinem Kot diese Gedichte aus der Einzelhaft an die Kalkwand der Zelle. Das sahen die Russen. Sie hielten mich wohl für einen Irren. ‚Was du machet?‘ sagte der Sergeant. Ich: ‚Poesie!‘ Er: ‚Was Poesie?‘ Ich: ‚Poesie!‘ (brüllend). Er ging, holte Offiziere. Dieselben Fragen, dieselben Antworten. Entscheidung: ‚Du ganze Zelle abkratzenl’ Ich kratzte meine Poesie von der Wand herunter, und dann schrieb ich die Gedichte noch einmal mit Kot – auf mein Hemd.

In Torgau trug ich sie den Kameraden vor. In Mühlberg, wo ich drei Monate im Strafbunker saß, wurden die Abschriften einem Häftling bei der ‚Filzung‘ abgenommen. Mein Name war längst vergessen, aber die Verse ‚An meine Frau‘ und ‚An meinen Sohn‘ waren Allgemeingut geworden. Das war der größte Augenblick in meiner – wie man so schön sagt – ‚liteiarischen Laufbahn’: ich war ein Anonymus, aber die Gedichte waren Allgemeingut der Sträfling". Hunderte von Häftlingen kannten sie auswendig; keiner wußte, wer sie geschrieben hatte. Als mir das bewußt wurde, war ich glücklich."