Es ist in den heutigen verworrenen Zeiten besonders schwer, einen Blick über die Grenzen der Gegenwart zu tun. Politiker versuchen für die Zukunft zu planen, Künstler und Wissenschaftler erahnen am ehesten etwas von dem Gang künftigen Geschehens. Mit ihnen hat die französische Regisseurin Nicole Vedrès einen avantgardistischen Film "Das Leben beginnt morgen" gedreht, der auf der Biennale in Venedig begeistert aufgenommen wurde. Es treten nicht nur historische Berühmtheiten wie Citroën, einer der ersten Automobilkonstrukteure, Marie Curie, die das Radium entdeckte, Lumiére, der Erfinder des Films, darin auf, sondern auch lebende Persönlichkeiten, so Professor Einstein, Papst Pius XII. und der Entdecker des Penicillins, Flemming, sind neben Woronoff, der die Menschen verjüngen wollte, und Oberst Lindbergh, der als erster den atlantischen Ozean überflog, handelnde Figuren auf der Leinwand. Von Alfred Nobel, dem Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises bis zum ersten Weltbürger Gary Davis zeigt dieser Film die ereignisreiche Zeitspanne der jüngsten Vergangenheit. Politiker wie Roosevelt, Churchill, Hitler, Stalin sieht man neben dem charmanten Maurice Chevalier und dem komischen Charlie Chaplin; Ford und Gandhi neben den Boxern Joe Louis und Marcel Cerdan.

Von diesen Figuren der Rahmenhandlung aus, die das Vergangene noch einmal aufleben lassen, weisen die Wege in die Zukunft, in das "Leben von morgen". Hier beginnt nun das Neuartige und Einmalige, das diesen Film auszeichnet. Als einziger Berufsstar spielt der französische Filmschauspieler Jean Pierre Aumont einen Reporter, der die europäischen Geister von Format besucht und sich mit ihnen über "Das Leben in der Zukunft" unterhält. Berühmte Wissenschaftler und Künstler treten hier als Filmdarsteller auf und führen Aumont in das andere Sein der zukünftigen Welt.

Erregend ist der Besuch bei dem avantgardistischen Schweizer Architekten Le Corbusier. Hier wird ein wirklich brennendes Problem von morgen berührt. Der Städtebauer zeigt den Plan der künftigen Großstadt ohne Vorstädte mit völlig neuen Wohngebäuden. Er begleitet den Reporter durch seine letzte Schöpfung, an der er noch arbeitet: eine Siedlung von Hochhäusern in Marseille. In ihr wird die Wohnung von morgen gestaltet. Es sind "Städtehäuser", die achtzehn Etagen hoch sind, zwei- bis dreitausend Mietern Platz bieten und Geschäftsstraßen in ihren Stockwerken enthalten. Durch die architektonisch besonders glückliche Lösung sollen die Menschen dort dennoch ihr Eigenleben führen können. Der Verkehr wird in den Städten von morgen unter den Gebäuden hindurchgeführt. Besondere Anlagen gewähren jedem Haus Aussicht auf Grünflächen und die Wege zum Arbeitsplatz sind so kurz als möglich, da sich im Mittelpunkt der Siedlung die Industrieanlagen befinden.

Eine weitere besonders amüsante Szene dieses Films ist der Besuch bei André Gide. Der Autor der "Symphonie pastorale" erörtert seine Loslösung von den kommunistischen Gedanken, in denen er schon lange nicht mehr die Ideen von morgen sieht. In einer von ihm selbst geschaffenen Humoreske tritt er als Hauptfigur auf und bietet dem Publikum erstaunliche Überraschungen.

Der wohl meistdiskutierte Künstler der Jetztzeit, der Spanier Pablo Picasso, zeigt besonderes schauspielerisches Talent. In seinem idyllisch am Mittelmeer gelegenen Atelier empfängt er den Reporter Aumont, erklärt ihm die Herstellung seiner Keramiken und bedeutet ihm, daß in den teils primitiven, teils grotesken Formen und Zeichnungen die Welt von morgen verborgen liege, da sich die widerstrebenden Geister nur im einfachen Grundgedanken der "Uridee" und der "Urform" werden einigen können.

Mysteriös und außergewöhnlich ist der Besuch im Laboratorium des bedeutenden Biologe! Jean Rostant. Dieser Experte auf dem Gebiete der Embryologie zeigt seinem Gast, wie man willensmäßig männliche oder weibliche Kröten durch künstliche Befruchtung je nach Wunsch zur Welt bringen kann. Er, dem es gelungen ist, durch Spezialbehandlung Enten mit drei Füßen und Kaliber mit zwei Köpfen ins Leben zu setzen, erzählt Aumont von der künstlichen Geburt von Kindern, die der Mensch der Zukunft vornimmt.

Jean Paul Sartre nimmt in einem Interview Stellung zu dem Menschen von heute und von morgen. Noch mehr als er, dringt der berühmte Psychoanalytiker Daniel Lagasche in das innere Wesen des Menschen von morgen ein, indem er unsere heutigen seelischen Bewußtseinsstörungen als die Disharmonie bezeichnet, die in dem Menschen von morgen sich ausgleicht.

André Labarthe, der erfolgreiche Wissenschaftler geht mit Aumont auf eine Reportagefahrt und zeigt ihm die neuesten technischen Errungenschaften in einem eigens dafür gebauten Flugzeug. Er erklärt ihm die Entwicklung noch unbekannter Bereiche und die ungeahnten Möglichkeiten, das menschliche Leben neu zu formen, wenn die Forschungsergebnisse, um die wir heute schon wissen, einmal für die Menschheit im guten Sinne ausgewertet werden sollten. Für die Musikfreunde ist die Begegnung mit Darius Milhaud und für die Literaturliebhaber das Treffen mit Jaques Prévert erfreulich. Auch sie zeigen Wege auf, die einen Blick in die Zukunft gestatten. T.