Bonn, im September

Paul Claudel veröffentlichte diesen "Erniedrigten Vater" im Jahre 1920, also kurz bevor er sich mit dem "Seidenen Schuh" befaßte. Es ist eine rein zuständliche Situationsdramatik, ein Abenteuer der Seele, ein dialogisiertes Gespräch zu sich selbst, und an Stelle einer Handlung werden subtile, aber zähe und sehr weitschweifig kommentierte Gewichtsverschiebungen ausgebreitet: Vorgänge innerhalb des weihevollen Bezirkes einer anspruchsvollen, nicht immer ansprechenden Innerlichkeit. Dieser Bezirk wird von Menschen als Träger einer bestimmten Symbolfarbe umstellt. Man wird einbezogen in eine gesprochene farbige Agraffe, die ihre Linienführung teils noch aus dem "symbolistischen" Jugendstil bezieht und teils aus einer (versuchten) Erneuerung christlicher Symbole. Im "greifbaren" Inhalt sieht das dann so aus:

Rom – 1870 – einige Stunden bevor Frankreich die Truppen abzieht, mit denen es den Heiligen Vater gegen den Einmarsch der piemontesischen Einiger schützte. Auf einem Gartenfest verliebt sich Pensée, die blinde Tochter des französischen Botschafters und seiner jüdischen Gemahlin, in den älteren von zwei armen aber edlen Brüdern, die die Neffen des Papstes sind. Sie ertastet seine Seele und begehrt ihn, ohne darum den anderen weniger zu schätzen. Die Brüder sind fromme Christen, Pensée aber fühlt sich im Alten Testament gebunden. Für den zweiten Akt hat der fromme Ehrgeiz des Dichters den Heiligen Vater persönlich auf die Bretter bemüht. Der wittert die ihm bevorstehende Erniedrigung (vor der er sich in die freiwillige Gefangenschaft innerhalb des Vatikans zurückziehen wird) und sucht, auf einer Terrasse mit Blick aufs abendliche Rom sitzend, Trost bei seinem Beichtiger. Dann stören die Neffen und fragen, ob sie die schöne blinde Halbjüdin (aus dem "weltlichen Lager") ehelichen dürfen, und wer von ihnen. Dritter Akt: Beide Brüder werden in den Krieg ziehen, der Ältere eröffnet sich der schönen Blinden; sie hinwiederum eröffnet sich christlichen Gedankengängen, und auch ... Aber darüber in Akt vier: Sie fühlt sich Mutter, die Brüder sind im Krieg und lassen nichts von sich hören. Nur ein Blumenkorb ist am Morgen gesandt worden. Da erscheint der Jüngere und berichtet vom Tode des Älteren. Der hat ihm aufgetragen, die Blinde zu heiraten, damit das werdende Kind (das die Blinde in sich trägt, und es wird sehen und Augen haben!) einen Vater bekomme. Es wird allerdings nur eine Namenshochzeit sein, das Sakrament wird also nur "geistig" vollzogen werden. Dann muß der Jüngere zurück in den Krieg, um auch sich zu opfern, und sich im Opfer mit dem geliebten Bruder wieder zu vereinen ... Die "Erniedriggütig" des Sakraments muß gesühnt werden.

Also ein Reinigungsritual. In das Sparien der "autos sacramentales" spielen noch einig; nachwagnerische Töne mit hinein. Der Clou ist (und da bekommt die Symbolik ein paar grelle Töne), daß auf dem Grunde des Blumenkörbchens der Kopf des Älteren verborgen lag – damit die Blinde, ihn ertastend, sich vom Opfertode des Geliebten eindeutig überzeugen möge: Salome und der blutige Mund des Täufers ins Christliche sublimiert.

Kann man ihm ganz über den Weg trauen, dem despotischen Christentum dieses großen dichtenden Monomanen, und all dem poetischen Aufwand, den er in die Bezirke der Gnade hineinzudrücken sucht? Ob er nicht doch ein großer Ketzer ist, wie Père Ducaud-Bourget jüngsthin zu beweisen unternahm?

Das Bonner Publikum war befremdet, aber blieb – trotz der weihevollen Umständlichkeiten. Ob es sich der "Liturgie" unterwarf? Immerhin ein Erfolg für den Regisseur Troxbömker, der mit denkbarem Takt inszeniert hatte. Eva Lissa, als Blinde, konnte wahrhaft imponieren: soviel subtile Läuterung – und keinmal ausbrechen dürfen!! Es fehlte die Musik. Mit kräftigem Honegger-Zusatz wär’s ein ganz schöner, rührender Spektakel geworden, Friedrich Zephir