Defa im Dienste der Ostpropaganda

Berlin, im September

Das "Babylon" hinter dem Alexanderplatz, nahe dem alten Volksbühnenbau, ist jeden Freitag Schauplatz einer östlichen Funktionärversammlung. Alle Freitage läuft dort der neue, der verbindliche Film des Ostregimes an. Eine Woche nur läuft solch ein Film in diesem Uraufführungskino. Länger nicht; kürzer aber auch nie. Es gibt keinen Pegel für Erfolg oder Mißerfolg. Der "Erfolg" ist ebenso eingeplant wie die Produktionsziffer des nächsten Monats in einem Eisenwerk. Er wird am Freitag jeder Woche im "Babylon" mit langem Schlußbeifall quittiert. Ein Film, der hier anläuft, ist erwünscht und hat vortrefflich zu sein. Neben den sowjetischen starten hier die Defa-Filme und hin und wieder auch ein Film aus Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei.

Am Anfang sind auch Erfolgsfilme im "Babylon" angelaufen: "Die Affäre Blum" und "Ehe im Schatten" beispielsweise. Damals hoben sich die Ziele noch nicht deutlich ab. Die Spanne zwischen den Filmen, die das künstlerische Urteil hoch bewertet, und denen, die keine Erwähnung verdienen, ist immer größer geworden. Die Defa nämlich scheint die Periode hinter sich zu haben, in der es darauf ankam, mit ihrem Namen in Deutschland und vielleicht auch im westlichen Ausland Qualität zu repräsentieren. Sie ist zu einem Propagandainstrument herabgesunken. Mit dem "Augenzeugen", der östlich gelenkten Wochenschau, begann es. "Der Augenzeuge" ist verbindlich für jedes Kino in der Sowjetzone; ohne ihn läuft kein Film über die Leinwand von Leipzig, Kottbus, Görlitz, Schwerin oder Weimar. Und für ihn gilt, was unter Hitler in den Kriegsjahren für die "Wochenschau" gegolten hat: der Besucher darf nicht kommen, nachdem "Der Augenzeuge" abgerollt ist. Denn "Der Augenzeuge" ist die tägliche politische Lektion der Sowijetzonenherrscher. Und er wählt Stoff, Kommentartexte und Bildfolgen nur zu dem einzigen Zwecke, den Westen schwarz und den Osten weiß zu malen.

Offensichtlich jedoch genügt diese Zwangsviertelstunde neuerdings nicht mehr für die Filmproduktion der östlichen Defa. Die unverbindlichen Themen, die sie hereinschob, um den ausgehungerten Kinobesuchern doch hin und wieder den Glauben an das holde Flimmerband zu lassen, sind mit den strengeren Anforderungen aus Moskau immer rarer geworden. Von den vielen sowjetischen Filmen, die, vom "Babylon" ausgehend, in den Städten der Zone vor ganz wenigen Zuschauern abrollen, mußten die Defa-Autoren und Regisseure lernen, daß schlechthin jeder Stoff seine "fortschrittliche" Tendenz verlangt. Mit der Verfilmung von Hauptmanns "Biberpelz" wurde schon die Stoffauswahl in diesem Sinne getroffen. Selbst ein so exzellenter Filmregisseur wie Erich Engel leistet mit Exportfirmen für den Westen dieser Art der – um tendenziösen Tendenz Vorschub. Es ist besonders gefährlich, wenn diese Tendenz – wie auch in dem Film "Semmelweis" – mit künstlerischer Brillanz getarnt ist.

Danach ist es dann immer dicker, immer triefender geworden. "Der Rat der Götter", ein Film gegen den "Monopolkapitalismus", mit klobigen, unbekümmert verfälschenden Hieben auf Amerika und Westdeutschland, wurde von Kurt Mätzig (der mit "Ehe im Schatten" ein erstes bleibendes Film werk nach dem Kriege geschaffen hat), als bewußte politische Attacke losgelassen. Und jetzt ist eben mit "Familie Benthin" ein vorläufiger Gipfelpunkt erreicht. Alles, was kommunistischen Rang und Namen hat, wurde für diesen Film, den die Ostpresse "Das Heldenlied der Ostzone" nennt, mobilisiert: der Kulturbundchef Johannes R. Becher, der junge Gebrauchslyriker Kuba, der Autor der "Heiden von Kummerow", Ehm Welk und Slatan Dudow, der vor 1933 einmal einen erschütternden Arbeiterfilm gemacht hatte. Kurt Mätzig, der Offiziosus unter den Regisseuren, hatte alles, was an Spielführern der Defa zur Verfügung steht, zu einem Kollektiv zusammengeschlossen. Es sollte ein beispielhafter Film werden: Dokumentär- und Spielfilm in einem. Es wurde der böseste, künstlerisch dazu langweiligste Tendenzfilm, der der Defa bisher geglückt ist. Unnötig, zu berichten, daß die Ausplünderung der Ostzone – das Charakteristikum der ersten drei Jahre nach dem Kriege – nicht mit dem Blick auf Moskau sondern auf den Westen geschildert wird, und daß schließlich unter Glocken! Maschinendonnern, Fahnenschwenken und der Becherschen Nationalhymne alle Deutschen heim in den kommunistischen Osten kommen.

So verbindet sich mit dem Namen Defa nun einzig der Auftrag, ein filmisches Instrument der Ostpolitik zu sein. Zwar werden dieser oder jener Opernfilm und vielleicht auch noch einmal ein nicht zu verfälschender wissenschaftlicher Stoff aus den Babelsberger Ateliers kommen. Aber in der Substanz ist die Defa ein Stück Ostpropaganda geworden. Die Kinos füllen ihre Räume nur noch, wenn – selten genug – eine Reprise aus früheren Jahren sich auf die Leinwand verirrt. Bei den anderen Filmen bürgert sich jetzt mehr und mehr der Brauch ein, die Bevölkerung geschlossen über den FDGB, die FDJ oder den Frauenbund zum Besuch zu nötigen. Karl Wilbe